Erfahrungsbericht über das klinische Singangebot im neu zertifizierten Singenden Krankenhaus in Bad Segeberg

Stephanie Heinze, Vorstandsvorsitzende der mit uns kooperierenden Hilde-Ulrichs-Stiftung befindet sich als Betroffene gerade selbst zur Behandlung in der Neurologischen Klinik Bad Segeberg. Die Segeberger Kliniken GmbH wurde just am 14. Oktober 2019 von uns als Singendes Krankenhaus zertifiziert, wozu wir herzlich gratulieren. Insofern hatte Stephanie Heinze, die uns mit ihrer Stiftung seit einigen Jahren unterstützt, die Möglichkeit, das Singangebot in ihren Therapieplan zu integrieren und war begeistert von den positiven Auswirkungen des Singens. Sie berichtet darüber in "Dopamin - Das Buch der Parkinson Community" am 16.10.2019:

"Singen macht glücklich - Heilsames Singen in einer Neurologischen Klinik

Stephanie Heinze„Hejo spann den Wagen an“ mit diesem schönen Ernte-Dank-Lied begrüßte uns das dreiköpfige Damen-Team (bestehend aus Parkinson Nurse, Logopädin & Musiktherapeutin) zur Singgruppe. Die herbstliche Dekoration in der Mitte des Raumes stimmte uns ebenfalls ein. Das Lied kannte jeder und nach einiger Zeit sangen wir es sogar im Kanon. Die positive Stimmung war sofort spürbar und legte sich wie ein Mantel auf uns. Jeder sang gleich mit, ohne groß zu überlegen, ob er singen konnte oder nicht.

Alle Teilnehmer (ca. 30-35 Personen) nahmen in einem Stuhlkreis Platz. Die Sitzhaltung, möglichst ganz vorne auf dem Stuhl, ohne den Rücken anzulehnen ermöglichte uns eine lockere, entspannte und aufrechte Sitzposition, in der wir die Lieder beschwingt mitsingen konnten. Nach kurzer Zeit hielt uns jedoch nichts mehr auf den Stühlen. Es waren einfühlsame Lieder mit leicht zu merkendem Text und schönen Melodien. Der Gesang erfüllte den großen Raum. Die Teilnehmer waren Patienten, Angehörige, Mitglieder des Vereins Parkinson bewegt e.V. sowie Mitarbeiter der Klinik.

Ich hatte bereits an einigen Singgruppen und Workshops in Kliniken und Selbsthilfegruppen bundesweit teilgenommen und war gespannt, was mich diesmal erwartete. Durch die heilsamen Lieder, so wusste ich aus eigener Erfahrung, konnten Blockaden gelöst und Emotionen freigesetzt werden.

In der nun folgenden Stunde sangen und tanzten wir uns durch ein buntes Potpourri an Liedern. Es spielte keine Rolle, wer wir waren und woher wir kamen, ob jung oder alt, krank oder gesund, Patient oder Therapeut. Alle waren gleich. Es zählte nur der Augenblick. Ich genoss den Moment, das kleine Glück, was das Leben ausmacht.

Neben mir saß ein Mann in einem Multifunktions-Rollstuhl, den man sowohl zum Sitzen als auch zum Liegen einsetzen konnte. Ich bemerkte, dass er weitestgehend bewegungsunfähig war. Er hatte gleichzeitig eine sehr positive Ausstrahlung, trotz seiner offensichtlich schweren Erkrankung. Es war das Strahlen in seinen Augen, das mich gleich faszinierte. Er sang alle Lieder mit und genoss die Stunde offensichtlich.

Er erinnerte mich an das Schicksal meiner Freundin Susanne, die 2017, viel zu jung und zu früh mit Anfang 50 verstarb. Sie hatte Multisystematrophie, kurz MSA (eine neurodegenerative Erkrankung, die dem Parkinson sehr ähnlich ist, und bei dem man im Unterschied zu Morbus Parkinson nur eine kurze Lebenswartung von max.10 Jahren nach der Diagnose hat).

In diesem Augenblick sah ich sie vor mir und hatte ihre Stimme im Ohr. „Chakka niemals aufgeben“! Das war immer unser Begrüßungs-Ritual, wenn ich sie besuchte. Nach einem langen, tapfer ertragenen Leidensweit konnte sie allerdings zum Schluss nur noch mit ihren Augen kommunizieren. Sie hat uns alle immer sehr beeindruckt, mit welcher Größe und Stärke sie ihr Schicksal ertrug.

Auch der Mann im Rollstuhl saß bzw. lag bewegungsunfähig in seinem Rollstuhl. Er war nicht viel älter als Susanne und es war deutlich, wie gut ihm diese Stunde tat. Als alle aufstanden, um sich im Takt der Musik zu bewegen, war es selbstverständlich, ihn „mitzunehmen“ und so schob ich ihn mit einer weiteren Freundin durch den Saal. Es war wie eine Reise für ihn und er strahlte und schenkte mir sein Lächeln. Dieses Lächeln war so unendlich kostbar, ein ganz besonderes kostbares Geschenk. Es berührte mich sehr!

Warum schaffen wir es nicht im Alltag „Inklusion“ zu leben, statt nur darüber zu reden?

Warum gibt es so viele Menschen in unserer Gesellschaft, die zuallererst an Ihren eigenen Vorteil denken und denen es oft nur um Profilierung geht, besonders in der Selbsthilfe-Szene? Selbsthilfe beginnt im Kleinen zwischen den Zeilen, nicht im lauten, großen Poltern!

Überall sah man an diesem Abend funkelnde und leuchtende Augen. Das Singen ist eine so unglaubliche Kraftquelle, aus der wir an diesem Abend alle schöpfen durften. Alle Sorgen und Ängste waren komplett vergessen und nicht wichtig. Liebe, Würde, Dankbarkeit, Miteinander und Nähe, waren greifbar.

Als ich später am Abend in meinem Zimmer saß, sah ich die intensiven Augen des Mannes im Rollstuhl vor mir und hörte den sanften Klang seiner Stimme: „Herzlichen Dank für dieses Geschenk.“ Wir hatten uns beide etwas sehr kostbares geschenkt. Mir kamen die Tränen.

Stephanie"


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