1. Patiententag des Westdeutschen Tumorzentrums (UK Essen)

Singende Krankenhäuser e.V. war dabei

WTZ Krebspatiententag 2018, Foto: Copyright "André Zelck"

Am 23.Juni 2018 war unser Ehrenvorsitzende Norbert Hermanns auf den ersten Patiententag des Westdeutschen Tumorzentrums (UK Essen) eingeladen, um dort die von ihm mit realisierte DVD „Krebs - Singen ist Leben“, siehe Onlineshop, vorzustellen und einen Workshop zu diesem Thema anzubieten. Hier sein Bericht:

„Im Großen Hörsaal der Uniklinik Essen fanden am Vormittag des 23. Juni die Hauptvorträge des Patiententages statt. Durch das Engagement der Frauenselbsthilfe nach Krebs NRW war die Präsentation der oben genannten DVD gut plaziert.

Die meisten Patienten sind der Ansicht, dass sie nicht singen können - und genau ein solcher Krebs-Patient wird zu Beginn des Haupt-Films der DVD vorgestellt: Er war der festen Überzeugung, dass er nicht singen kann und sagte von sich: „Ich kann zwar nicht singen, tue es aber mit Leidenschaft“. Er hatte nicht diesen Perfektionsdrang, der uns oft hemmt, blockiert und konnte sich spontan spielerisch auf dieses Abenteuer „Singen“ einlassen. Zudem war ihm bis dahin nicht bewusst, dass er eine schöne, sonore und große Stimme hat. Er meldete rück, dass er seinen Körper durch die mitunter starken Vibrationen, neuen Resonanzen und tieferen Atem neu erfährt, was ihn zutiefst beglückt - auf so eine befreiende Erfahrung habe er lange gewartet. Dabei war er sehr bewegt - Singen berührt!

WTZ Krebspatiententag 2018, Foto: Copyright "André Zelck"
Norbert Hermanns, Ehrenvorsitzender Singende Krankenhäuser e.V.

Mit einfachen, vokalreichen Liedern auf einer Tonsilbe mit eingängiger Melodie kann wirklich jeder unter entsprechender Anleitung seine Stimme entfalten. Und das vermittelte ich den Anwesenden mit einigen Impulsen zur Öffnung der Stimme anhand des Liedes von Katharina Bossinger „jai dai dai“, worauf sich die Anwesenden einließen, direkt aufstanden und zum Lied schunkelten (fast wie im Rheinland :-) ).

Sie spürten, wie sich ihre „Stimmung“ unmittelbar veränderte: Unser Gefühlszentrum wird durch das Singen direkt stimuliert, wir nehmen unsere Gefühle deutlicher wahr und können sie direkt ausdrücken - das befreit. Viele Patienten sind nach der Diagnosestellung oftmals in einer Art „Kontroll-Modus“ - es gibt unglaublich viel zu verarbeiten, zu bewältigen und zu organisieren. Und Gefühle werden dann häufig zurückgestellt, mitunter auch aus Angst davor, dass sie zu mächtig sind. Gefühle lassen sich aber nicht „wegpacken“. Sie sind eine Art Leuchtturm für unsere wichtigsten Bedürfnisse. Wenn sie ignoriert werden entwickeln sie ihr Eigenleben: Angst z.B. kann in chronische Unruhe, Anspannung, mitunter zu Panikattacken „aus heiterem Himmel“ führen. Unterdrückte „Wut“ zu einer chronischen Reizbarkeit. Unterdrückte Trauer zu scheinbar grundlosem Weinen ... Das sogenannte heilsame Singen kann uns den Zugang zu unseren Gefühlen und damit zu dem, was uns ausmacht, was uns guttut, was uns nährt, eröffnen. Und somit auch den Zugang zu unseren Mitmenschen, da wir - im Einklang mit unseren Gefühlen - klarer mitteilen können, was uns bewegt, was wir uns wünschen. Ich beziehe mich hier auf Elke Wünnenberg, die dies in ihren Beiträgen „Singend bezogen sein“ und „Selbstregulation auf tönende Weise“ unseres aktuellen Tagungsbandes wunderbar erläutert.

Der Film zeigt verschiedene Verbundenheitserfahrungen im Singen. Dadurch, dass wir auswendig einfache Melodien mit leicht zu merkenden Texten singen, können wir freier singen, mehr in uns hineinhorchen und unser Gegenüber wahrnehmen, vielleicht sogar uns zum Singen bewegen. Häufig tauschen sich die Teilnehmer nach einem Lied aus, wie es auf sie gewirkt hat, in welcher Stimmung sie gerade sind, welche Gefühle spürbar wurden, welche Erinnerungen / Assoziationen auftauchten. Und jeder kann für sich dann abgleichen: „Ja, das habe ich auch so empfunden“, oder „bei mir war es anders“. Über das Sprechen werden Gefühle und die damit verbundenen Bedürfnisse bewusster. Unsere Quellen, das, was uns nährt, werden greifbarer. Es ist erstaunlich, welche befreiende, lösende Wirkung dieses Singen auf SängerInnen hat, dies vermittelt auch der Film: Im geschützten Raum können alle Gefühle geäußert werden. Wenn ein Teilnehmer z.B. fürchtet, dass seine Gefühle ihn überrollen, legen wir die Aufmerksamkeit auf achtsame Körperwahrnehmung, seine Atmung, auf einen stabilen Stand / „Erdung“, auf rhythmisch-beschwingtes Sprechen und Singen!

Am Beispiel des Liedes „Bele Mama“ wurde im Forum die rhythmische Kraft des Singens erlebbar: Verbundenheitserfahrungen wurden spürbar: Unsere Atemmuster, Herzfrequenzen gleichen sich an, synchronisieren sich! Die nonverbale Ebene der Kommunikation wird bewusster, erfüllter, resonanzreicher und dadurch Beziehungen vertieft. Wie wichtig tragende Beziehungen für unsere psychisch und physische Gesundheit sind, hat jeder erfahren. Inzwischen belegen dies auch zahlreiche Studien wie diese Metastudie aus dem Jahre 2010: Social Relationships and Mortality Risk

Ich fand es erstaunlich, wie intensiv sich die Teilnehmer auf das Singen einlassen konnten. Es gab nach dem Vortrag und Workshop großes Interesse an unserem SiKra-Netzwerk, unseren Singgruppen.

Fotos: Copyright „André Zelck"


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