Singen im Männerwohnheim in der Kyreinstraße in München

Dagmar Aigner mit einem Teil der Singgruppe

Dagmar Aigner, zertifizierte Singleiterin in München, berichtet über ein Projekt das Singende Krankenhäuser e.V. mit einer Anschubfinanzierung unterstützte:

Anfang August begann mein wöchentliches Singen mit den wohnungslosen Männern im Haus an der Kyreinstraße, einer Einrichtung des Katholischen Männerfürsorgevereins München e.V.. Seitdem singen wir jeden Montagmorgen eine Stunde lang zusammen, ganz anders allerdings, als ich anfangs dachte: Da das Votum der Männer eindeutig in Richtung Oldies ging, singe ich mit ihnen weniger „heilsame“ Lieder als hauptsächlich Songs aus Pop, Rock, Folk und Soul - u.a. aus meinem Straßenmusikrepertoire der frühen Jahre vor meinem Gesangsstudium.

Und noch etwas ist anders, als ich es von anderen Singgruppen her kenne: Die Heimbewohner, von denen die meisten eine psychische Krankheit oder eine Suchterkrankung oder beides haben, sind extrem schwer zu motivieren, wie mir die Betreuer von Anfang an zu verstehen gaben. Und es gibt im Alltag wenig Austausch untereinander oder Bezogenheit. Die Bewohner sind aufgrund ihrer Vorgeschichte sehr mit ihren Problemen beschäftigt und haben häufige Beziehungsabbrüche erlebt, so dass es ihnen auch schwerfällt, Verbindlichkeiten in Form von Wahrnehmung regelmäßiger Termine einzugehen.

Vor diesem Hintergrund ist es nach der Meinung der Sozialpädagogin, die das Singen begleitet (wenn sie nicht anderweitig eingespannt ist), schon außergewöhnlich und als Erfolg zu werten, dass sich ein kleiner, aber fester Kern herausgebildet hat, der regelmäßig kommt und auch zusammen interagiert. Sie ist z.B. auch positiv überrascht von einem Teilnehmer, bei dem es wohl schon etwas ganz Besonderes ist, wenn er überhaupt eine Stunde lang still dasitzen kann. Diesem (am häufigsten von allen erscheinenden) Teilnehmer, den mangelnde Sprachkenntnisse oft am Mitsingen hindern, ist häufig ein starkes Berührtsein durch unser Singen anzumerken. Nach einer Singstunde meinte er: „Mehr Singen ist besser als Trinken!“ Er hat neulich einen Alkoholentzug begonnen, ihn leider aber fürs Erste wieder abgebrochen.

Auch bei einem weiteren Mitsänger findet dessen Betreuerin es ganz erstaunlich, dass er regelmäßig teilnimmt und sich sogar intensiv einbringt, da er ansonsten, so wie sie erzählt, kaum aus seinem Zimmer herauskommt. Er hat ein selbst geschriebenes Lied eingebracht, für das er viel positives Feedback der Gruppe bekam, genauso wie für seine gelegentlichen Gitarrensoli, mit denen er meine Gitarrenbegleitung unterstützt. Dieser Mann hat eine gravierende psychische Erkrankung, hat sich aber für seine Verhältnisse inzwischen sehr geöffnet, was sich z.B. darin ausdrückt, dass er immer sein lebensgroßes Lieblingsstofftier mitbringt, das während des Singens bei ihm auf dem Schoß sitzt, als quasi zusätzlicher Teilnehmer. Damit wir bald mühelos Lieder in der gleichen Tonart zusammen spielen können, hat er sich zu Weihnachten einen Kapodaster für die Gitarre gewünscht.

Überhaupt bringen einige Teilnehmer großes künstlerisches Talent und teilweise auch musikalische Vorbildung mit. Immer wieder nutzt einer gerne die „Bühne“, die er bei uns hat, etwa für ein vorgetragenes Gedicht oder einen kleinen eigenen Flötenvortrag und erhält eine Wertschätzung, die er sonst nicht gewohnt ist.

Trotz erkennbarer Schwierigkeiten in der Interaktion der Männer kommt es oft zu einem schönen Miteinander, bei dem wir mit mehreren Instrumenten und trotz der kleinen Teilnehmerzahl sogar mehrstimmig und mit Inbrunst zusammen singen. Es ist dann „Leben in der Bude“ und eine Begeisterung und ein gemeinsamer „Spirit“ fühlbar, wie man es auch vom „Chanten“ her kennt, vom nicht ambitionierten Singen also, bei dem Freude und Entspannung im Vordergrund stehen.

Apropos Chanten: Auf die wohltuende Wirkung der dort üblichen mantrenartigen Wiederholungen müssen wir bisher weitgehend verzichten, denn die Männer tun sich schwer, mit ihrem Interesse an etwas länger „dran zu bleiben“ und selbst wenn wir einen Popsong zweimal hintereinander sangen, kam von einem der Sänger schon gelegentlich die Klage, das sei zu langweilig.

Die Wiederholungen „schmuggle“ ich manchmal hinein, z.B. in Form eines Kanons. Ich bin gerne bereit, die musikalischen Wünsche, wenn möglich, zu erfüllen, denn, wenn wir z.B. ein „Proud Mary“ von Creedence Clearwater Revival oder ein „Morning has broken“ von Cat Stevens singen, dann fühlen viele sich, wie sie sagen, an ihre Jugend „angedockt“. Für mich ist dabei spürbar, dass es auch ein Anknüpfen an etwas Kraftvolles innerhalb der eigenen Biographie ist, etwas Stärkendes, eine Ressource.

Bisher wird das Singangebot leider nur von einem kleinen Teil der Bewohner angenommen, was aber auch für andere Angebote gilt, wie mir der Heimleiter Herr Baierlacher versichert. Für die regelmäßig Teilnehmenden allerdings ist der Singkreis mittlerweile ein wichtiger „Ankerpunkt“ in ihrer Woche geworden. „Heilsames Singen“ also mal ganz anders – und dennoch, so die Einschätzung der Sozialpädagogen des Heimes, mit salutogenetischer Wirkung.

Herzlichen Dank den Singenden Krankenhäusern für die halbjährige Anschubfinanzierung!

Dagmar Aigner


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