„Musik verbindet“, dies zeigte sich auf der Parkinson-Gala in Frankfurt

Singende Krankenhäuser e.V. auf der Parkinson-Gala „Musik verbindet“ der Hilde-Ulrichs-Stiftung anlässlich deren 20-jährigem Jubiläum und des Welt-Parkinson-Tages

Anlässlich ihres 20-jährigen Jubiläums feierte die Hilde-Ulrichs Stiftung für Parkinsonforschung am 11. April im „Haus am Dom“ in Frankfurt eine Gala. Thema war die bewegende und verbindende Kraft der Musik in Wort und Klang und deren sinnenfreudige und kurzweilige Vermittlung.

Zu Beginn verriet die junge Carolin Schäfer, die momentan erfolgreichste Siebenkämpferin Deutschlands und Schirmherrin der Stiftung, im Interview, wie Musik ihr helfe, sich vor einem Wettkampf zu fokussieren: Eine spezielle Musikauswahl unterstütze sie dabei, positive Wettkampferfahrungen aus der Vergangenheit zu vergegenwärtigen und sich so zu motivieren.
Schäfer ermunterte die Anwesenden, sich zur sportlichen Aktivierung realistische Ziele zu stecken. Dabei lautet ihr Motto zur Steigerung der Selbstwirksamkeit: „Nichts ändert sich, bis man sich selbst ändert, und plötzlich ändert sich Alles!“.

In diesem Sinn motivierte der Moderator und Ehrenvorstand der Singenden Krankenhäuser, Norbert Hermanns, die Gäste, ihre Körper zu strecken, zu drehen und in Schwingung zu bringen, die Stimme mittels Summen und staunender Rufe aufzuwärmen. Die Gäste zeigten sich sehr aktionsfreudig und schon bald erklang aus allen Kehlen, rhythmisch-beschwingt und tänzerisch im „Haus am Dom“, das Lied „Es tönen die Lieder“. So nahm das Singen die Essenz der folgenden Vorträge vorweg: „Musik verbindet und bewegt“:

Diese These untermauerten nun zwei Experten auf dem Gebiet der „Neurobiologie“:
Prof. Björn Hauptmann, der sich als Fachmann bezüglich der sogenannten nicht-medikamentösen, insbesondere künstlerischen, aktivierenden Verfahren wie Theater, Tanz und Musik bei der Parkinsonschen Krankheit bundesweit einen Namen gemacht hat. Hauptmann ist Mitorganisator der Segeberger Symposien „Medizin trifft Kunst“, die wiederum der Verein „Parkinson bewegt“ (www.parkinson-bewegt.de) veranstaltet.

In seinem Vortrag „Mit sportlichen und künstlerischen Aktivitäten der Krankheit begegnen“ vermittelte Prof. Björn Hauptmann die Ergebnisse der Studienlage verständlich und motivierend:
Bei fachgerechter Anleitung könnten Singen, Tanzen, Theater und Sport erheblich die Krankheitssymptome lindern und die Lebensqualität steigern!

Der Beirat der Singenden Krankenhäuser e.V., Prof. Eckart Altenmüller, Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musikmedizin an der Musikhochschule in Hannover, wies zu Beginn seines ebenso informativen wie kurzweiligen Vortrages daraufhin, dass Musizieren von Beginn an ein menschliches Bedürfnis gewesen sei. Die musikalische Wiege der Menschheit stehe gewissermaßen in seiner, Altenmüllers, schwäbischen Heimat, wo bereits vor 35.000 Jahren die ältesten Musikinstrumente der Welt, die sogenannten Knochenflöten, entstanden.

Beide Redner erläuterten anhand von Praxisbeispielen und Studien anschaulich, dass Musizieren die Neuroplastizität des Gehirns fördert. Dies bedeutet, dass Synapsen, Nervenzellen oder auch ganze Hirnareale zwecks Optimierung laufender Prozesse in ihrer Anatomie und Funktion, besonders durch aktives Musizieren, in ihrer Entfaltung unterstützt werden.

Wer ein Instrument erlernt, vernetzt Hirnzentren, die für das Hören, Sehen und Bewegen zuständig sind. Wer schon früh intensiv zu musizieren beginnt, verändert sogar die Form seines Gehirns. Musiker besitzen mehr Nervenzellsubstanz in den Bewegungs- und Sprachzentren und in den Hörzentren als Nichtmusiker. Die Verbindung ihrer beiden Hirnhälften ist stärker ausgeprägt und die Nervenbahn der Bewegungszentren des Gehirns zu den motorischen Neuronen des Rückenmarks - die sogenannte "Pyramidenbahn“ - ist dicker und leitet Informationen schneller weiter.
All diese Effekte können auch therapeutisch, in Singgruppen und zu Hause genutzt werden (vgl.: www.parkinson-bad-segeberg.de/musik-in-der-medizin).

„Tremore mio“, ein Chor Parkinson-Betroffener, betrat anschließend die Bühne. Deren Mitglieder erzählten von ihren Beweggründen zu singen:
„Ich singe, weil es mir großen Spaß macht. Weil jedes neue Stück eine Herausforderung ist, die sich zum Erfolgserlebnis wandelt, wenn es anfängt gut zu klingen. Die Freude darüber verbindet unsere Gemeinschaft sicher noch mehr als nur die Tatsache, dass wir Parkinson haben. Außerdem singe ich auch, um meine Stimme zu kräftigen.“

„Aus demselben Grund, warum wir vor 11 oder 12 Jahren unseren Chor gegründet haben, stehen wir hier. Wir wollten zusammen etwas tun, was uns Spaß macht und womit wir anderen Erkrankten Mut machen können, indem wir zeigen, dass man auch trotz fortgeschrittener Symptomatik noch etwas auf die Beine stellen kann und sich nicht verkriechen muss. Gegen fortschreitende Einschränkungen der Mobilität können wir nichts tun, aber der Gefahr des  sozialen Rückzugs und der Isolation haben wir etwas entgegenzusetzen.“

Der Chor sang u.a. Lieder wie „Gabriellas Song“ aus dem Film „Wie im Himmel“. Darin heißt es:

„Ich will spüren dass ich lebe.
Jeden Tag, den ich hab', will ich leben, wie ich es will.
Ich will spüren, dass ich lebe.
Wissen, ich war gut genug!“

Die SängerInnen sind Botschafter für wirkungsvolle Eigeninitiative und zeigten die praktische Umsetzung der zuvor vermittelten Forschungsergebnisse:
Wie beseelter musikalischer Ausdruck von Lebensfreude und Verbundenheit die Stimme stärkt, Bewegung fördert und den Atem vertieft.

Nach der Pause erfrischte und begeisterte das Cello-Quartett „cellharmonics“ mit virtuoser feuriger Spielweise von „Cross-Over- und Eigen-Kompositionen“. Alsbald wippten die Zuhörer mit den Füßen und einige hielt es in Anbetracht der z.T. rockig intensiven, durchweg leidenschaftlichen Interpretation, kaum auf den Stühlen.

Es folgte die Ziehung der Hauptgewinne. Schirmherrin Carolin Schäfer betätigte sich hierbei als Glücksfee und wurde anschließend von Moderator Norbert Hermanns und dem Publikum mit dem Lied „Der Mond ist aufgegangen“ in eine gute Nacht verabschiedet, da bereits früh am Folgetag wieder ihr Training anstand.

Anschließend betrat nun das Trio „Luftsprung unplugged“ der „Luftsprung Stiftung“ die Bühne. Diese Stiftung fördert u.a. chronisch erkrankte junge Menschen auf dem Weg in Ausbildung und Beruf. Die Konzertreihe „Luftsprung unplugged“ wird organisiert von Stiftungsmitglied Ulrich Hartmann, selbst Mukoviszidose-Betroffener und Absolvent der Musikhochschule Mannheim mit Bachelor im Fach Jazzschlagzeug und aktuell Masterstudent an der Pop-Akademie Mannheim.

Auf die Frage, warum er musiziere, antwortete er:
„Musik ist der ideale und natürlichste Gradmesser für einen gesunden Umgang mit meinem Körper und meiner Seele. Je mehr mein Körper in den Fluss und mein Geist zur Ruhe kommt, je natürlicher und schöner wird die Musik, die dabei entsteht. Dieser “Einklang” wiederum führt zu tiefem Glücksgefühl und Lebensfreude. Die Suche nach diesem Glück treibt mich jeden Tag aufs Neue in den Überaum.
Über das Instrument wird dieses Glück hörbar gemacht und mit anderen teilbar. Die dabei transportierten Gefühle sind tiefer und aufrichtiger als Worte.
Als chronisch kranker Mensch ist es mir ein Bedürfnis, dieses Glücksgefühl an Menschen weiter zu geben, die ebenfalls einen Körper haben, der ihnen täglich Steine in den Weg legt.

“Luftsprung Unplugged” soll beweisen, dass auch "chronisch erkrankte“ Menschen eine Bereicherung für die Gesellschaft darstellen. Erst recht, wenn wir den Mensch hinter der Erkrankung erkennen (und zum Klingen bringen) und wir alle zusammen arbeiten (musizieren).

Ein Trio mit Ulrich Hartmann (Drums), Mama el Dsoki (Sängerin) und Jan David (Gitarre) begeisterte sofort die Gäste. Maram el Dsoki soulige Stimme, das knackig-präzise Spiel von Ulrich Hartmann und die funkig-sprühende Gitarre von Jan David holten die Zuhörer zunehmend von den Stühlen und führten in die Abschlussparty des Abends.

Zu guter Letzt fanden sich alle Beteiligten zu einem „All-Together“ auf der Bühne ein, das der „Tremore mio“-Chor mit dem Gospel „Clap your hands“ begann und in das alle Mitwirkenden einstimmten.
Arm in Arm schunkelnd sangen Publikum und Gäste „Oh lass es Dir gut gehn“, begleitet von Jan David an der Gitarre.

Moderator Norbert Hermanns sprach dem kräftig applaudierenden Publikum aus der Seele, als er allen Mitwirkenden, insbesondere auch der Geschäftsführerin und maßgebliche Organisatorin Stephanie Heinze sowie dem Vorsitzender des Stiftungsbeirats Dr. Jürgen und dem Team herzlich für diesen bewegenden Abend dankte.

Musik zum Ausklang bot Bernd Everding, die erstaunlich viele Gäste zum Tanzen nutzten.
Bernd Everding war weltweit tätiger Produktmanager Musik und spielte in zahlreichen Funk- und Soul-Bands. Mit 42 Jahren erkrankte er an Parkinson und verarbeitete seine Erfahrungen in seinem Song „Thank you Mr. P:“
www.soundcloud.com/bernd-everding/thank-you-mr-p

Hierzu ist auf der Seite des Gala-Veranstalters ein Interview mit Bernd Everding zu finden:
www.parkinsonweb.com/Heidenheimer-Zeitung-Ausgabe-WoEnde-25_26-Feb-2017.pdf

So heizte Bernd Everding mit seinem New York stämmigen Freund, Soul-Sänger John Alexander, noch einmal kräftig dem Publikum ein.
Das spontan improvisierte Duett von John Alexander und Mama El Dsoki wurde zu einem Highlight des Abends und entließ Auditorium wie Veranstalter erfüllt auf den Heimweg.

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