Bewegende Momente bei der Jahreskonferenz in Hannover

Text: Thomas Jüchter und Sandra Roß-Lünenschloß
Fotos: Barbara Jahn

Wie Singen bewegt – bewegtes Singen belebt

Jahreskonferenz Singende Krankenhäuser e.V.
23. - 25-03.2017, Stephansstift Hannover

Vom 23. - 25.03.2017 trafen sich in Hannover 120 Teilnehmer zur fünften Jahreskonferenz von Singende Krankenhäuser e.V. zum Thema „ Wie singen bewegt – bewegtes Singen belebt “, ein Ansatz zur Gesundheitsprävention und Krankheitsbewältigung.
Das Stephansstift als Tagungsort erwies sich als gute Wahl und da die Rahmenbedingungen stimmig waren, konnten die Teilnehmer dort reichhaltige Tage erleben, getragen von der Professionalität, Offenheit und Kreativität des Netzwerks.

„Singen führt in Bewegung, in „E-Motion“, schafft Zugang zu den aus dem Bewusstsein verbannten Gefühlen und Bedürfnissen und wirkt so dem „Nur-noch-Funktionieren“, dem Stagnieren in Kontrolle und Problemtrancen entgegen.“ So formulierte es die Vorstandsvorsitzende Elke Wünnenberg in ihren einleitenden Worten. „Singen bewegt und hilft, mit dem zu gehen, was uns bewegt, in uns lebendig schwingt und durch den Atem ins Fließen kommt“.

Elke Wünnenberg stellte druckfrisch den von ihr herausgegebenen, zweiten bearbeiteten und erweiterten Tagungsband „Singen als heilsame Kraft - Das Potenzial des Singens für das Gesundheitssystem“ vor. Es geht darin um Grundlagen, Praxisfelder und Perspektiven des Heilsamen Singens und spiegelt die Vielfalt der Arbeit der singenden Krankenhäuser wider. Der Tagungsband ist zum Preis von 29,90 € im Webshop von Singende Krankenhäuser e.V. zu beziehen.

In ihren Grußwörtern hoben Regierungspräsident der Region Hannover, Hauke Jagau, Bürgermeister Thomas Hermann sowie Uwe Mletzko, Pastor des Henriettenstiftes (zertifiziertes singendes Krankenhaus in Hannover), die Bedeutung des Singens als gemeinschaftsfördernde, tröstliche, aktivierende Ressource hervor. „Singen schafft Wunder“, sagte Pastor Mletzko. Er erinnerte an das afrikanische Sprichwort „Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, können sie das Gesicht der Welt verändern.“

Wolfgang Bossinger betonte in seiner Funktion als Ehrenvorsitzender die Bedeutung des Singens zur Entstehung guter Beziehungen – gute Beziehungen wiederum seien entscheidend für Aktivierung der Selbstheilungskräfte, die Welt brauche heute mehr denn je miteinander verbundene Menschen!

Prof. Dr. phil habil. Theo Hartogh, Professor für Musikpädagogik der Universität Vechta, hielt den Eröffnungsvortrag zum Thema Demenz und Musik, Musik und Kulturgeragogik. Er gab einen Überblick über Studien zum Thema Alter und musikalische Aktivität. Die Generation 60+ wolle aktiv Musik machen, daher steige die Nachfrage gerade an Gruppenangeboten und besonders dem Singen. Er zitierte die Altersforscher Reimer Gronemeyer von „Aktion Demenz“ und Peter Whitehouse, Professor für geriatrische Neurologie an der Case Western Reserve University in Cleveland, USA, die Demenz als einen bloßen Alterungsprozess des Gehirns begreifen - nicht als Krankheit. In Zukunft brauche es viel mehr integrierende Angebote wie das Heilsame Singen, es geht mehr um die Würdigung und Stärkung der Kompetenzen als um das Herausstellen der Defizite.

Einen weiteren interessanten Vortrag hielt Prof. Dr. med. Peer Abilgaard, Chefarzt der Abteilung für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik an den SANA-Kliniken Duisburg. Parallel ist er auch Professor für Musikermedizin an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln, zudem noch Chorleiter und Sänger. Sein Statement: „Manchmal geht mit mancher Musik für manche manches besser“. Er stellt die wichtige Bedeutung günstiger Rahmenbedingungen heraus. Wenn Kontext und die Einstellungen stimmen, könne Musik und Singen die Resilienzkräfte im Menschen stärken, Herz und Hören weit machen, dadurch „innere Vielstimmigkeit“ fördern.

Praktisch ging es in den sechs Workshops zu:

  • Sylvia Abegg widmete sich der Frage, wie Demenz singend überbrückt werden kann.
  • Friederike Bauer zeigte, mit welchem Repertoire in ihrer COPD-Gruppe auch Männer zum Singen bewegt werden können.
  • Ulrike Behr näherte sich Schritt für Schritt dem Singen bei neurologischen Erkrankungen.
  • Bei Sylka Uhlig ging es um Singen, Summen und Rappen als Zugang zur Emotionsregulierung.
  • Katharina und Wolfgang Bossinger gaben Einblicke in die Verbindung von Chants mit Bodypercussion.
  • Jochen Bockholt fokussierte das Heilsame Singen als Nahrung für Körper und Seele.

Theoretischer wurde es in den Netzwerkthemen von Christina Kostrzewa, freie Journalistin und Autorin, zum Thema Öffentlichkeitsarbeit, von Elke Wünnenberg zum Thema Praxis in Singgruppen, von Vera Kimmig zum bisherigen §87b, neu §43b SGB und zum Singen in Altersheimen, sowie von Norbert Hermanns zur Etablierung von Singangeboten in Kliniken.

Christine Kostrzewa stellte ihren Film „Krebs – Singen ist Leben“ vor. Sie begleitet seit vielen Jahren an Krebs erkrankte Frauen und porträtiert einige in diesem Film. Christine Kostrzewa, die in der Reihe „Filme gegen die Angst“ schon mehrere DVDs prodziert hat, fokussiert hier die Heilung unterstützende Form des Singens. Exemplarisch kommen etwa betroffene Frauen und Männer sowie leitende Ärzte der Uni Köln und des Evangelischen Krankenhauses Mühlheim vor, die eindrücklich schildern, welche positiven Effekte das Heilsame Singen hat. Ihr Film ist ein sehr starkes Dokument für Klinikbetreiber und Krankenkassen, Heilsames Singen im Gesundheitssystem zu etablieren.

Auftraggeber und Initiatoren waren die Frauenselbsthilfe nach Krebs Landesverband NRW e.V. (Kooperationspartner von Singende Krankenhäuser e.V.) www.frauenselbsthilfe.de und die Deutsche ILCO Landesverband NRW e.V.
Mit der Projektförderung der AOK Rheinland/Hamburg wurde der finanzielle Grundstein gelegt. Auch der Verein Singende Krankenhäuser e.V. beteiligte sich inhaltlich und finanziell an dem Projekt.

Auch weitere Kooperationspartner stellten sich auf der Jahreskonferenz vor:

  • Stefan Kleinstück von der Initiative „Tanzen bewegt“, er zeigte: Singen und Tanzen gehören zusammen (www.wir-tanzen-wieder.de)
  • Marie Beisert von der Agentur KuGeL - Kunst, Gesundheit, Leben - die Kulturschaffende mit Gesundheits- und Betreuungseinrichtungen zusammenbringen möchte (www.kugelkultur.de)
  • Simone Willig stellte den Verein TROTZDEMENZ vor, der sich für eine neue, potentialorientierte Sichtweise auf Menschen mit Demenz einsetzt (www.trotzdemenz.de)

Erik Franklin, Sportwissenschaftler, Tänzer, Choreograf und Universitätsdozent, stellte in Vortrag und Workshop seine nach ihm benannte Franklin-Methode als eine dynamische Bewegungslehre vor. Diese Methode fügt sich aus Imagination, Bewegung, erlebter Anatomie und Berührung zusammen, sehr anschaulich zeigte er die Funktion und Wirkweise des auch beim Singen höchst beanspruchten Zwerchfelles und zeigte Übungen zur Aktivierung.

Im Vortrag von Elke Wünnenberg ging es um „Bewegende Begegnung“ als Kultur des Miteinanders, um Standpunkt in Praxis und Ausblick auf Forschungsfragen der Initiative „Singende Krankenhäuser e.V.“. Zentraler Aspekt in ihren Ausführungen ist das Singen als Seins-Erfahrung zu begreifen. Sie erläuterte die Polyvagaltheorie nach Stephen Porges als wissenschaftliche Grundlage für die Vielzahl von spontanen Rückmeldungen, im Singen einen sicheren Raum und Zugang zu Kontakt und Lebendigkeit zu finden.

Ein weiterer Höhepunkt der Tagung war die Präsentation des Filmes von Dagmar Titsch, die bei der Kölner Jahreskonferenz vor zwei Jahren mit der Kamera unterwegs war. Dabei ist ein 18-minütiger Film entstanden, der vielfältige Einblicke in die SiKra-Seele gibt. Auf YouTube zu sehen unter „Die Kraft des Heilsamen Singens“ und demnächst auf der Homepage von „Singende Krankenhäuser“ sowie auf facebook.

Während der stimmungsvollen Liedernacht mit 400 Besuchern in der schönen Kapelle des Stephansstiftes, welche die Singleiter Jochen Bockholt und Inke Lechner organisiert hatten, kamen beachtliche 1800 € an Spenden zusammen!

Im Nachklang dieser abwechslungsreichen Tage äußerten sich viele Teilnehmer begeistert über die gute Mischung von Theorie und Praxis und das erfüllende Miteinander aller TeilnehmerInnen.

Thomas Jüchter, 21614 Buxtehude, Helga-Wex-Platz 8b
Dipl.Musiktherapeut/FH-NL
thomas.juechter@web.de


Zurück