"Medizin trifft Kunst" beim 3. Segeberger Symposium

„Musik stabilisiert und belebt“

v.l.: Stephanie Heinze, Bernd Braun, Dr. Weber (von der Hilde-Ulrichs-Stiftung), Norbert Hermanns, Vera Kimmig, Prof. Altenmüller und Prof. Hauptmann

Das nunmehr 3. Segeberger Symposium richtete sich wieder in erster Linie an Patienten und war hier beispielhaft:
Perfekt organisiert wurden gut verständliche, praxisbezogene Referate und Workshops angeboten, in denen verschiedenste künstlerische Therapieverfahren erkundet werden konnten. Über Musik-, Tanz- und Theaterworkshops erlebten die Teilnehmenden sich und ihre Ausdrucks- und Bewegungsmöglichkeiten im künstlerischen Miteinander neu und erweiterten sie. Es war berührend schön zu sehen, welche neuen Erfahrungs- und Begegnungsräume sich hier öffneten, wie lust- und humorvoll Bewegung und stimmlicher Ausdruck sein konnten.
Prof. Eckart Altenmüller erläuterte sehr kurzweilig und verständlich, wie über Rhythmus als Impulsgeber die Länge und Geschwindigkeit der Schritte verbessert werden kann. Musik könne unser Gehirn anregen, dadurch Sprachfähigkeiten und Gedächtnisleistungen verbessern. Ebenso könne sie unser Immunsystem stärken und vor allem unsere Kooperationsfähigkeit fördern.

Bernd Braun, Initiator des nunmehr 3. Symposions, ist davon überzeugt, dass er dem Singen verdankt, noch Sprechen zu können. Bei ihm wurde 2005 Morbus Parkinson diagnostiziert. Aus eigener leidvoller Erfahrung mit den herkömmlichen Therapieverfahren gründete er den Förderverein „Parkinson bewegt e.V.“, der sich für nichtmedikamentöse Therapieverfahren bei Parkinson einsetzt. Bernd Braun sprüht geradezu vor Engagement und hat mit seiner Frau und einem phantastischen Helferteam in den letzten Jahren schon viel für die Akzeptanz künstlerisch-aktivierender Verfahren im Gesundheitswesen bewegen können. Deshalb wurde er auch bei diesem Symposion von der gemeinnützigen Hertie-Stiftung im Bereich Bildung, gesellschaftliche Interventionen und Neurowissenschaften mit einem 5.000 Euro dotierten Förderpreis ausgezeichnet und geehrt. Mit stehenden Ovationen zollten ihm hierfür die ca. 120 Teilnehmer des Symposions Anerkennung und Dank.

v.l.: Bernd Braun, Vera Kimmig, Norbert Hermanns und Elke Wünnenberg

Die Initiative „Parkinson bewegt e.V. “ pflegt enge Verbindungen zur Initiative „Singende Krankenhäuser e.V.“
Gemeinsam sind sie von der Vision getragen, Patienten neben den etablierten Behandlungsstrukturen Möglichkeiten zu schaffen, sich kreativ, selbstwirksam und selbstverantwortlich zu erleben und psychosozialem Leid vorzubeugen. So folgten gleich mehrere aktive Mitglieder von „Singende Krankenhäuser“ der Einladung von Bernd Braun:
Im Workshop von Norbert Hermanns (Sänger und Musiktherapeut, seit 2016 Ehrenvorsitzender der Initiative „Singende Krankenhäuser“) erlebten die Teilnehmer, dass sie durch eine freudige, selbstbewusste Haltung deutlicher und lauter sprechen und singen können und sie sicherer in ihren Bewegungen sind, denn Rhythmus stabilisiert.
Zwischen den Hauptvorträgen konnten dies alle Zuhörer im gemeinsamen Singen erfahren, das Norbert Hermanns anleitete. Die 120 Teilnehmer hatten sichtlich und hörbar großen Spaß an den bewegenden Wirkungen des Singens.

Vera Kimmig (Gesangspädagogin und 3. Vorsitzende der Initiative „Singende Krankenhäuser e.V.“) ermöglichte ihren Teilnehmern, sich wertfrei stimmlich auszudrücken, sich selbst horchend zu begegnen und alles schwingend geschehen zu lassen. So konnten sich im „Lauschenden Singen“ schöpferische und heilsame Kräfte in der eigenen Stimme entfalten. Die Sängerinnen und Sänger kamen in den Einzelgesangsstunden in Kontakt mit sich selbst und es entstanden wunderbar berührende Momente der Begegnung.

Elke Wünnenberg (Psycholog. Psychotherapeutin, Musikerzieherin und 1. Vorsitzende der Initiative „Singende Krankenhäuser e.V.“) zeigte in ihrem Referat auf Basis der aktuellen neurobiologischen Forschung auf, welch heilsames Potential im Singen liegt. In der Parkinsonbehandlung können künstlerisch-aktivierende Verfahren dazu beitragen, positive innere (Beziehungs-)Bilder und Begegnungserfahrungen zu stiften. Diese führen aus innerer wie äußerer Erstarrung heraus, so dass den belastenden Erfahrungen der Fähigkeitsverluste entgegengewirkt wird.

Wie wichtig es ist, den Teufelskreis aus Selbstverunsicherung und Selbstrücknahme zu unterbrechen und Patienten wie Angehörigen Unterstützung zu geben, aus negativen Interaktionsschleifen herauszufinden, zeigte sich in den Gesprächskreisen, die am 2. Symposionstag neben den aktiven Sing-, Tanz- und Theatererfahrungen angeboten wurden. Krankheit ist auch Kränkung, die es gemeinsam zu begrenzen gilt. Im schöpferischen Tun, wenn sich teilweise ganz neue Fähigkeiten zeigen und Flowerleben möglich ist, kann diese überwunden und Kraft für den Alltag gewonnen werden.

Die anregende Wirkung der verschiedenen Workshopangebote erlebte man teilweise bis spät in die Nacht hinein beim Erfahrungsaustausch in kleinen Gesprächsgruppen, oder auch Evergreens singend an der Bar.
Über dem gesamten Verlauf des Symposiums war eine entspannte, freundschaftliche Verbundenheit aller Anwesenden zu spüren und beim Verabschieden hatte man das Gefühl, sich von Freunden zu trennen und mit vielen neu gewonnenen Eindrücken beladen die Heimreise anzutreten.
Ansteckende Lebensfreude, Lachen und Singen, gepaart mit Neugier zeigten in diesen Tagen „Sir James Parkinson“, wer Herr im Hause ist…

Fotos: Erken Schroeder, www.parkinson-bewegt.de

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