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Singende Krankenhäuser auf der Messe BONN GESUND

Sonntag Morgen 8.30 und es schüttet wie aus Kübeln, als wir, Susanne Wagner und Monika Wiese, uns in die Stadthalle zur Messe „Bonn gesund“ begeben.

Zufall oder Glück- unser Stand befindet sich neben anderen Selbsthilfegruppen mit dem angrenzenden Getränkeverkauf, der Aktiv-Bühne sowie der „Verschnaufzone“ mit Tischen in einer angemessenen Lage: hier bleibt man, um es sich gut gehen, sich inspirieren zu lassen. Da passen wir doch prima hinein! Bald kommt noch Sabine Rachl dazu, so können wir neben dem SiKra Logo auch gleich noch Werbung für den Workshop an die Wand projezieren! Ein toller Aufhänger für Gespräche ist das, merken wir bald. Da bei „Bonn gesund“ sowohl Kliniken als auch naturheilkundliche Praxen, Selbsthilfegruppen und einzelne Therapeuten ausstellen, spricht die Messe ein breites Publikum an. Und fast durchgängig bleiben Menschen bei uns am Stand stehen, sind sehr interessiert. Die Resonanz auf das Wirken von Gesang in Gesundheitseinrichtungen ist groß- und es werden wirklich viele intensive fachliche und auch sehr berührende Gespräche geführt, Termine für die nächsten Module notiert und Kontaktadressen ausgetauscht..

Und auch schön wahrzunehmen, wie allein der Titel „Singende Krankenhäuser“ fast ausnahmslos jedem Menschen der am Stand vorüberzog, einen heiteren Augenblick entlockte. Eine nicht zu unterschätzende Qualität :-) Am Nachmittag gab es dann einen offenen Workshop von 30 Minuten auf der großen Bühne des Saales – knapp 25 Besucher trauten sich mit hinauf und schon nach dem ersten „Bele mama“ war die Bühne vergessen. Susanne und Sabine unterstützten mit Trommeln und machten auf diese Weise noch mehr Mut. Gemäß dem Titel „Sing dich gesund“ gab es natürlich noch Hintergründe zur Wirkung des Singens und ein kleines Warm Up. Einige Besucher waren sehr berührt von „Ich atme tief“, innerhalb kurzer Zeit hatte sich dort in diesem gestalteten Raum eine sehr schwingungsvolle Gruppe eingefunden, die auch anschließend alle sehr interessiert am Stand vorbei kamen- und ich vermute dass in den kommenden Wochen ein paar mehr Liedpostkarten unterwegs sind als sonst...

Einen Messetag mit mehreren zu gestalten macht wirklich Sinn UND ist eine echte Freude. Teilweise waren wir wirklich zu dritt im Gespräch, außerdem gab es zwischendurch Zeit zum Austausch. Schön, dass noch Andrea Charpey vorbei kam und half –  die Singenden Krankenhäuser waren auf diese Weise auch in ihrer ganzen Vielfältigkeit vertreten.
Großes Interesse gab es von der ev. Beratungsstelle und anderen Einrichtungen an einer Zusammenarbeit- es bleibt also spannend, welche Früchte wir in der nächsten oder weiteren Zeit ernten können. Ist ja bald Erntedank.

Bericht: Monika Wiese, Sabine Rachl, Susanne Wagner

Interview mit Samuel Youn

„Singende Krankenhäuser e.V.“ - Interview mit unserem musikalischen Botschafter Samuel Youn, der gerade mit großem Erfolg an der Deutschen Oper Berlin die Rolle des "Kurwenal" (Tristan - Wagner) und der Oper Köln "Amfortas" (Parsifal-Wagner) singt.

Frage: Wie bist du überhaupt zum Singen gekommen?

Antwort: Als ich noch ganz jung war, habe ich in Südkorea angefangen in einem Kirchenchor zu singen, im Knabenchor und seitdem habe ich mit Singen zu tun. Irgendwann habe ich gemerkt, dass meine Stimme etwas größer ist als andere. Man muss im Chor ja immer in der Harmonie bleiben, aber irgendwann kam immer meine Stimme durch. Und unser Chorleiter kam auf mich zu und sagte, du hast bestimmt irgendwie eine andere Richtung, versuch mal Solo zu singen.

F: Wie alt warst du da, 17 oder 18 Jahre?

A: Ja, so. Und dann habe ich angefangen. Also, so richtig, begonnen mit dem klassischen Gesang habe ich mit 17 oder 18. Aber davor habe ich immer gut und fröhlich im Chor mitgesungen.

F: Dann mit 17, 18 nach der Schule: Hast du dann direkt Gesang studiert?

A: Ja, das war zum Ende meiner Gymnasialzeit. Mit 17, also in der 12. Klasse, musste ich mich entscheiden, ob ich an der Uni später irgendein anderes Fach studiere. Das war sehr kurzfristig. Wenn man Gesang studieren will, fangen die wichtigen Vorbereitungen und Prüfungen normalerweise schon 2-3 Jahre vorher an.

Bei mir war das wirklich anders und im letzten Moment. Da habe ich entschieden, es auszuprobieren, ob ich als klassischer Sänger Erfolg haben könnte. Ich habe versucht, mit einem Bariton, der bereits an der Uni studierte, einen Monat zu üben und danach noch einen Monat mit einem Professor an einer anderen Uni geprobt. Ich wurde tatsächlich bestätigt und zugelassen an der Universität das Fach Gesang weiter zu studieren. Das war eine große Sensation, weil es so kurzfristig war, sozusagen in allerletzter Minute – so hat sich mein Leben spontan um 180 Grad gedreht. So wie ich neulich in Bayreuth eingesprungen bin, ganz spontan.

Frage: Welche Bedeutung hat das Singen für dich persönlich?

Antwort: Ja, ich habe schon immer gerne gesungen, obwohl ich damals noch nicht klassischen Gesang studiert habe. Musik war immer in meiner Nähe. Ich habe zum Beispiel immer zum Einschlafen Musik gehört, obwohl ich zum Schlafen Ruhe brauche.

Frage: Welche Art von Musik, Klassik?

Antwort: Ja, Klassik. Manchmal habe ich auch irgendeine Popmusik gehört. Also, ohne Musik konnte ich gar nicht schlafen. Ohne Musik erschien es mir langweilig.

F: Also auch schon als Jugendlicher?

A: Ja, und ich habe auch nicht ausschließlich klassische Musik gesungen, sondern ich habe auch immer viel Spaß gehabt, damals bekannte Schlagersongs mit zu singen.

F: Koreanische Schlagermusik?

A: Ja. Klassische Musik war damals für mich Richard Strauss. Ich hatte von einem Geschäftseigentümer eine CD geschenkt bekommen. Das war ein Zufall. Und obwohl ich gerade die Bestätigung der Universität zum Studium für klassischen Gesang bekommen hatte, verspürte ich gar nicht so viel Lust dazu, Klassik zu singen. Aber diese CD von Richard Strauss, eine Edition von Hermann Prey, 15-16 Lieder, hat mich berührt.

F: Inwiefern, was hat dich da angesprochen an dieser CD? War das vom Gefühl her etwas Besonderes?

A: Ein Lied hat mich sehr berührt. Ich war immer 1,5 Stunden unterwegs von meiner Wohnung zur Uni und während der Busfahrt habe ich immer diese CD angehört. Und irgendwann hat mich dies eine Lied so sehr berührt, das war „Morgen“. Ich hatte soviel Jazz und andere Musik begonnen zu hören - aber dieses „Morgen“ von Strauss hat mich tief berührt. Morgen (Entstehungszeit 1894)

 Und morgen wird die Sonne wieder scheinen,

und auf dem Wege, den ich gehen werde,

wird uns, die Glücklichen, sie wieder einen

inmitten dieser sonnenatmenden Erde.



Und zu dem Strand, dem weiten, wogenblauen
 werden wir still und langsam niedersteigen,

stumm werden wir uns in die Augen schauen,

und auf uns sinkt des Glückes stummes Schweigen.

Richard Strauss (1864-1949)

http://www.youtube.com/watch?v=_kISYaaC_nU

Im Bus konnte ich nur ganz leise singen. Aber dieses Lied hat mich so berührt, dass ich dachte, ich möchte auch mal so singen, wie er singt. Strauss hat mich wirklich berührt und aufgebaut.

F: Kannst du mir das benennen, was dich genau da von Strauss so angesprochen hat? War es die romantische Harmonik oder was?

A: Also schwer zu sagen. Ich konnte damals kein deutsch, aber ich habe gespürt, dass dieses Lied ähnlich einer tief gehenden Erzählung war. Ich dachte, vielleicht hat er, als er es komponiert hat von seiner persönlichen Situation erzählt. Es hat damals in der Situation alles zusammen gepasst.

F: Welche Wirkung hat das Singen auf Dein Publikum? Hast du hier Rückmeldungen bekommen, wie deine Stimme auf das Publikum wirkt?

A: Ja, also das ist schon sehr schwer zu beschreiben. Natürlich bedeutet der Applaus, dass es eine Wirkung hatte.
Nach der Vorstellung, wenn die Zuhörer auf mich warten, haben sie Interesse an meiner Stimme, aber sie wollen mich auch persönlich näher kennenlernen.
Ich habe deswegen jetzt so viele Freunde. Zuerst waren es Fans, aber nachdem wir uns unterhalten haben, sind es Freunde geworden.
Und jetzt, wenn ich woanders, zum Beispiel in Nizza, Paris oder Bayreuth bin, dann folgen sie mir. Nicht nur als Fans, sondern als Freunde.
So wie du mir gesagt hast, ist die Wirkung nicht nur von meiner Stimme, sondern auch ein Teil meiner Persönlichkeit. Diese Neugierde verbunden mit den Gesprächen, führt zu einem tieferen gegenseitigen Verständnis. So habe ich schon über 10 Leute - nicht nur als Köln - die mir immer folgen, wo ich auch bin, Menschen aus der ganzen Welt.

F: Hast du damals mit deinen Kindern gesungen? Als sie noch klein waren? Und wenn ja, was hast du mit ihnen gesungen?

A: Ja, ja. Mit meinen Kindern habe ich nicht so viel klassisch gesungen. Und deutsche Lieder konnte ich nicht viele, wie sagt man ...junge Lieder...

F: Wiegenlieder?

A: Ja, solche kannte ich nicht viele. Wir singen oft und viele koreanische Lieder zusammen. Ich lasse meine Kinder koreanisches Fernsehen schauen, so lernen sie auch gut die koreanische Sprache und wenn es da so populäre Musiksendungen gibt, dann schauen und hören wir diese gemeinsam an. Auch im Auto singen wir viel gemeinsam. Das macht den Kindern viel Freude mit ihrem Papa gemeinsam zu singen.

F: Es ist ja dann für deine Kinder auch eine Brücke zur koreanischen Kultur?

A: Also, wir singen im Auto nicht nur koreanische Lieder, (lacht).
Das ist eine Einheit – Autofahren und Singen.

F: Und das macht ihr nach wie vor immer noch, zusammen singen im Auto?

A: Ja, sehr oft. Seitdem mein Sohn 14 Jahre alt ist und er begonnen hat sehr viele verschiedene Musikrichtungen zu hören - sollte ich nun auch mehr hören. Ich wollte mit meinem Sohn kommunizieren und musste dazu auch seine Musik kennenlernen.
Und seitdem höre ich z.B. amerikanische Popmusik, die ihm gefällt. Wenn wir ins Auto steigen, dann stellt er mir seine neu entdeckten Lieder aus der ganzen Welt vor. Diese Musik hat eine sehr wichtige Rolle gespielt und ist wie eine Brücke zwischen uns. Da ich sehr viel unterwegs bin muss und die Zeit, wo wir zusammen sind sehr eng knapp ist, müssen wir uns auf diese Zeiten sehr konzentrieren und im Auto passiert viel, wenn wir zusammen Musik hören und zusammen singen.

F: Schön! Welches Anliegen verbindest du mit deinem Engagement bei den Singenden KH? Was ist für dich auch ein Grund, dich für uns zu engagieren?

A: Heute habe ich in einer evang. Kirche Solo gesungen, den Psalm 23 (Anm. „Der Herr ist mein Hirte“). Viele kennen es. Es waren zwei sehr schwer erkrankte Patienten in der Kirche. Eine davon, schwer herzkrank, sagte mir danach, das Lied habe sie sehr berührt und sie habe fast weinen müssen.
Das Lied vom Psalm 23 erzählt uns, dass Gott bei uns ist, auch in schweren Zeiten. Obwohl ich mich nur auf das Lied konzentriere, spüren die Menschen die Wirkung des Liedes.
Ich merke immer, dass die Menschen die positive stärkende Wirkung des Liedes erhalten, nicht von mir, sondern von den Liedern. Sie schöpfen Hoffnung, das Lied ermutigt sie wieder weiterzumachen. Ja, es gibt viele Lieder mit verschiedenen Wirkungen.

F: War die Vertonung von Dvořák?

A: Nein, es war von einem koreanischen Komponisten. Ich singe dieses Lied manchmal auch vor deutschem Publikum. Vielleicht, wenn ich Zeit habe, werde ich es irgendwann auch einmal für eure Patienten singen. Ich erzähle vorher, was es bedeutet. Vor dem Singen schreibe ich es auf.

In verschiedenen Situationen bemerken die Menschen eine andere Wirkung. Ein Mal gibt es Kraft, ein anderes Mal eine andere Wirkung. Obwohl es so ein einfaches Lied ist, ist die Wirkung so groß.

F: Du hast damals erzählt, dass ihr mit dem Chor im Krankenhaus aufgetreten seid, in Korea auf eurer Tournee.

A: Das machen wir häufiger – die Patienten freuen sich immer, wenn wir so was machen. Die Fluren auf den Stationen sind eng, trotzdem kommen alle aus ihren Zimmern, um unsere Chormusik zu hören. Wir singen nicht nur im Chor, manchmal auch Soli und die Patienten freuen sich sehr und weinen auch viel – es fließen auch oft Tränen. Es hat wirklich eine große Wirkung.

F: Wunderbar, herzlichen Dank!

Interview mit Ludger Vollmer

SK:
Welche Bedeutung hat das Singen / Musik für Sie persönlich?

L.V.:
Natürlich bin ich über das Singen zur Musik gekommen. Singen hieß immer Spass, Freude, große Emotionalität für mich; ich stamme aus einer großen Familie, in der alle Feste bis heute immer mit schönem Satzgesang, aber auch mit fröhlichen Volks- , Scherz- und derben Trinkliedern gefeiert wurden, die wir mit allen gerade habhaft seienden Instrumenten frei begleitet haben, von der Geige über Gitarre, Bandoneon, Klavier, Flöten, Akkordeon, Banjo bis hin zur Tuba. Das war und ist immer ein Heidenspass! Auch die traurigen Anlässe hatten ihren Platz im gemeinsamen Lied. Es gibt regelrechte Hymnen, die an wichtige Stationen unserer gemeinsamen Biografie erinnern. Das Singen umrahmte unser Leben und markierte regelrecht unsere Identität als Familie.

Ich selber wäre todunglücklich ohne die Musik; ein Leben ohne Musik wäre unvorstellbar und die Hölle für mich.

SK:
Welche Wirkungen hat das Singen / Musik auf Sie?

LV:
Singen ist für mich der stärkste und zugleich sublimierteste Ausdruck von Emotionalität, von Kommunikation in Emotionalität. Wenn ich mit Freunden und meiner Familie singen kann, bin ich sehr glücklich. Zugleich glaube ich, daß es kaum einen authentischeren und genaueren Ausdruck für menschliche Emotionalität als den Gesang gibt. Gesang, der immer nicht nur Text, sondern zugleich die Interpretation des Textes enthält, transportiert auch ganz stark körpersprachliche Signale, die durch andere Medien überhaupt nicht oder nur schwach fließen können. Die emotionale Botschaft an die Mitwelt potenziert sich somit. - Sicher wird das einer der Gründe sein, die die Wahl meines Kommunikationsmittels als Künstler auf die Oper fallen ließen.

SK:
Welche Wirkungen der Musik / des Singens beobachten Sie auf Jugendliche?

LV:
Leider scheint der tradierte Gesang an sich, den wir noch mit dem Begriff Volkslied verbinden, aus der jüngeren Generation nahezu verschwunden zu sein, obwohl er ein wesentliches Transportgut kultureller Identität ist. Betrachten Sie hierzu die aussereuropäischen Kulturen, etwa die türkische oder auch lateinamerikanische oder afrikanische Kulturen! Die sind grade bei den Jungen ohne Gesang unvorstellbar.

Mein Wunsch als Opernkomponist ist daher, möglichst viel mit der jüngeren Generation zusammenzuarbeiten, sie z. B. in Jugendopern wie SCHILLERS RÄUBER_RAP'N BREAKDANCE OPERA (Jena 2009) oder BORDER (Köln, 2012) auf die Bühne zu holen, singen und agieren zu lassen und so von sich zu erzählen. Sind die Jugendlichen einmal hereingeholt in das aktive Singen, so sind sie sehr schnell regelrecht "angefixt". Sie können es nicht mehr lassen und sind glücklich damit. Oftmals, wie in SCHILLERS RÄUBER oder auch in GEGEN DIE WAND (Bremen, 2008) spielen Volkslieder eine wichtige Rolle in der Partitur; für die Jungen und Mädchen erschließen sie sich dann wie ein versunkener Schatz.

SK:
Welches Anliegen verbinden Sie mit Ihrem Engagement bei den "Singenden Krankenhäusern", was bewegt Sie zu diesem Engagement?

LV:
Eines der wichtigsten Bilder meiner Jugend hatte sich mir am Sterbebett meiner Großmutter eingeprägt: Der Großvater, selber todkrank, holte eine Gitarre hervor- ich wußte bis dahin gar nicht, dass er Gitarre spielen konnte- und sang mit ihr, an ihrem Bett, die Lieder ihrer Jugendzeit, Liebes- und Wanderlieder. Das hatte einen Frieden, ein Glück, eine Liebe und vor Allem eine Würde, die ich nie vergessen werde.

Auch meinen Vater haben wir vor einem Jahr im Kreis unserer Familie mit auf diese Weise hinübergeleiten können, und ich glaube, daß er auf seinem letzten Weg glücklich war, daß wir so bei ihm sein konnten. Wir waren es auch.