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Messe"LEBEN UND TOD" in Bremen

Von links nach rechts: Susanne Seelbach, Leiterin der Hospizgruppe Hamburg-Harburg mit Beata Zepik und Thomas Jüchter von SiKra

Die Messe LEBEN UND TOD fand am 8. und 9. Mai 2015 zum 6. Mal in Bremen statt. Neben den Messeständen zahlreicher, unterschiedlichster Unternehmen und Organisationen gab es einen Fachkongress mit vielen Vorträgen und Workshops rund um Sterbens- und Trauerbegleitung. Mit SiKra waren wir nun bereits zum 4. Mal mit einem Info-Stand vertreten. Des weiteren konnten wir wieder einen Workshop anbieten, diesmal zum Thema "Resilienz - Wie Singen uns stärkt".

"In ihrem sechsten Jahr ist die LEBEN UND TOD nach wie vor einzigartig in Deutschland. Sie bietet einen anerkannten Fachkongress, eine vielfältige Messe sowie Vorträge und Workshops für Privatbesucher/innen zu allen Bereichen des Lebens, Sterbens, der Trauer und des Abschieds. Die Auseinandersetzung mit den Fragen nach dem Sinn und Wozu gehören ebenso zur LEBEN UND TOD wie Wissen, Austausch und die Begegnung mit anderen. Dabei ist die Messehalle geprägt von einer stimmigen, hellen und freundlichen Atmosphäre, einem ausgeglichen Ausstellungsangebot und genügend Raum für Austausch und Begegnung." (Auszug aus der Homepage "Leben und Tod" )

Mit Beata Zepik, Karin und Thomas Jüchter haben wir zu dritt den Stand betreut. Wir waren ein gutes Team! Der Besuch war subjektiv empfunden geringer als in vergangenen Jahren. Das beklagte auch die Messeleitung und andere Aussteller. Es ist zu vermuten, dass dies wohl in erster Linie dem Bahnstreik zuzuschreiben ist. Der hat auch für uns für Komplikationen gesorgt, weil unsere Materialien nicht angeliefert wurden. Glücklicherweise gab es einen Plan B und wir hatten alles in genügender Menge vor Ort. Schön war, dass wir mit dem BIM (Bremer Institut für Musiktherapie), u.a. vertreten durch unser Mitglied Ilse Wolfram, einen affinen Nachbarstand hatten. Es fühlte sich wie ein gemeinsamer Stand an und schaffte noch mal mehr Aufmerksamkeit für das Thema Musik und Singen.

Die Resonanz für unsere Passion war durchweg sehr zustimmend und interessiert. Es wurde z.B. von vielen BesucherInnen, die ehrenamtlich im Hospiz engagiert sind, betont, wie wichtig das Singen in der Sterbebegleitung ist. Wir haben nun einige Anfragen für Weiterbildungsworkshops :-) und eine für eine Liedernacht in Oldenburg/Oldb., meiner alten Heimatstadt. Mal gucken, ob was draus wird...

In unserem 90-minütigen Workshop haben wir das Thema unserer Kölner Jahrestagung aufgegriffen. Der Aspekt der Resilienzkräfte für Sterbebegleiter war insgesamt das Schwerpunktthema der diesjährigen Messe. Der Workshop war mit 25 TeilnehmerInnen ausgebucht, der Raum eigentlich viel zu klein, aber wir sind nah zusammen gerutscht und der Sound des Kreises war umwerfend schön. Für die meisten TeilnehmerInnen war das Heilsame Singen noch fremd, es konnten sich aber alle super einlassen. Ich bin jedes Mal überwältigt von der Energie, die eigentlich in allen Gruppen immer wieder entsteht, unabhängig davon, mit wem man singt, ob erfahren oder unerfahren. Hier einige Rückmeldungen von Teilnehmern: "Lebensfreude pur", "Es kam alles an Gefühlen vor", "Erstaunlich, wie schnell und wie tief Gemeinschaft entsteht", "Nach den vielen Gesprächen und Input war diese Stunde ein Segen, wie eine Seelendusche".

Müde, aber erfüllt packten wir am Samstagabend wieder unseren Messestand ein mit der Gewissheit, einigen Menschen eine neue Perspektive im Umgang mit Gesang aufgezeigt zu haben und der Vorfreude, auf die neuen Möglichkeiten, die dadurch entstehen werden!

Bericht von Karin und Thomas Jüchter

4. Singender Umzug durch die Uniklinik Köln

Foto: Christian Wittke, MedizinFotoKöln

Alaaaaaf! Zum vierten Mal schon zogen wir dieses Jahr an "Altweiber" mit Sängern der Singgruppe, Patienten, Besuchern, Mitarbeitern und Singleitern aus Köln durch die Uniklinik Köln. Pünktlich um 11:11 läuteten wir auch im größten Gesundheitshaus der Domstadt die jeckste Zeit des Jahres ein.

Bleiben wir gleich bei den Superlativen: die stimmkräftigste Geisha des Landes, alias Angelika Goers, wärmte vorher im Haus LebensWert unsere Stimmen gut auf: „Ich sage es Dir: ich bin ja sooo schön!“ Und es stimmt ja: Menschen sind zum einen besonders schön, wenn sie singen – und zum anderen, wenn sie esu bunt un herrlich aanjetreckt (kölsch für angezogen) sin, wie das im Karneval nun einmal der Fall ist. Angeführt von unserer Hoheit, dem Sultan Norbert al lachmal Chermanns, zogen wir dann mit viel Alaaf und Gesang in das lichte Foyer des Herzzentrums. Winkende Mitarbeiter säumten schon den Weg und die ersten Patienten stimmten froh mit ein, angesichts dieser bunten Schar von beinahe 30 Jecken samt Gitarren (feurige Gitarreros Micha Meza und Martin Herrmann), Trommeln (Hildegard Grooterhorst) und Quetschbüggeln (Bärbel Kükenshöner und Monika Wiese). Daß bei so viel Bauchtanz und kessem Hüftschwung die Hose des Sultans sich immer wieder zu verabschieden drohte, sorgte allgemein für noch größere Unterhaltung und Spannung in der Sängerschar – es sei hier vorab verraten: Wunder gibt es immer wieder, und sie hielt doch...

Foto: Christian Wittke, MedizinFotoKöln

Nach einem ersten kölschen Potpourri im Herzzentrum zogen wir weiter in die Eingangshalle mit „ Mate Aroha“ – und meine ganz persönliche Hochachtung gilt den zwei Patienten, die aus dem Op-Bereich gefahren kamen und sich winkend durch unsere etwas sanfter singende Gruppe schieben ließen. Ein sagenhaft schönes Bild.
Bei den Pförtnern angekommen, boten wir allen Zuschauern, darunter auch zwei Klinikclowns, eine Augenweide:„Eimol Prinz zo sin...“ gebärdeten wir das Lied, um den Telefonisten eine akustische Chance zu lassen und stiegen dann wieder inbrünstig mit unseren Stimmen ein. „Trömmelche, Veedel, Echte Fründe“ die Klassiker des kölschen Liedguts wechselten sich ab mit den Hits aus der Singgruppe der Uniklinik „Si Si Si, E malama, Bele Mama..“ und wieder einmal wurde deutlich, dass es da einen gemeinsamen Boden gibt: ein schallendes „JA!“ in Richtung Gemeinschaft und die Fähigkeit sich mitnehmen zu lassen ins Singen und Klingen, Wiegen und Schunkeln, Rappeln und Scheppern.
Ein Dank all denen, die sich von unserer Gruppe haben anstecken lassen, die hinter Fenstern oder auf Treppen stehen blieben, filmten, mitsangen, zurückwinkten: So schwingt sich die gemeinsame Freude schunkelnd fort und fort!

Bericht von Monika Wiese und Bärbel Kükenshöner

„Singen entkrampft, erleichtert und lässt einen im Moment durchatmen und frei werden“ (Herbert Grönemeyer)

Salus-Konferenz in Magdeburg

Norbert Hermanns, Herbert Grönemeyer sowie Dr. Eckart von Hirschhausen auf der „Salus-Konferenz“ in Magdeburg

Durch Vermittlung unseres Beirats Eckart von Hirschhausen bin ich, stellvertretend für die „Singenden Krankenhäuser e.V.“ zur Salus-Konferenz nach Magdeburg zum Thema „Musik und Humor in Psychiatrie und Psychotherapie“ eingeladen worden. Dieser Einladung folge ich sehr gern, sind doch auch Herbert Grönemeyer, Eckart von Hirschhausen, die Klinik-Clowns u.a. vor Ort eingeladen.

Am Nachmittag des 16.1.2015 begrüßen Klink-Clowns die Teilnehmer und laden sie in Stegreif-Improvisationen zum fantasievollen Perspektiv-Wechsel ein und wecken mit erfrischender Leichtigkeit die Spielfreude - aus den verschiedensten Ecken im Foyer und Saal erklingt immer wieder Kichern, lautes Lachen und Singen. Der Minister für Arbeit und Soziales, Norbert Bischof, outet sich gleich im Begrüßungswort als Grönemeyer-Fan und bedankt sich beim Veranstalter für dessen umfassendes Engagement im Bereich Gesundheit und Kultur. Im ersten Vortrag erläutern Dr. Christof Schwabe und Ulrike Haase, wann und wie Musik zur Therapie wird. Musik wirke immer - aber nicht immer heilend - sie könne auch defizitär erlebt werden. Daher sei es wichtig, Musik entsprechend dosiert und patientenzentriert in der Therapie einzusetzen.

Herbert Grönemeyer erläutert, was Musik für ihn persönlich bedeutet: Musik sei für ihn die Form der Kunst, welche die Seele und das Nervennetz am tiefsten berühre. „Wir verlieben uns sicherlich in das Aussehen, den Geruch, den Humor, den Sex-Appeal unseres Gegenübers, aber ganz besonders in den Klang der Stimme.“ Auch ein Kleinkind, das noch keine Worte verstehe, reagiere auf den Klang, auf die Musik der Sprache seiner Eltern. Diese vermittle ihm das Gefühl der Geborgenheit und Ruhe. Es sei die Wärme in den Stimmen, mit der uns Ängste genommen werden und die uns wieder aufrichtet. Zudem sei hinlänglich bekannt, dass der zugewandte, ruhige Ton eines Therapeuten oder Arztes bei Patienten ein hohes Maß an Selbstheilungskräften aktivieren könne und uns andererseits das kühle, teilnahmslose Abbügeln und Abfertigen in einer labilen Gesundheitssituation in eine noch größere Krise stürzen könne.

Seine damalige Frau sei 8 Jahre lang an Krebs erkrankt, und plötzlich bekam sein Bruder im Sommer 1998 ein Non-Hodgkin-Lymphom. Er habe seinem Bruder Knochenmark gespendet und ihn häufig im Krankenhaus besucht, seinen Leidensweg begleitet. Der Bruder starb am 1.11.1998 und Herbert Grönemeyers Frau 4 Tage darauf. Dieser Einschlag sei für ihn so übermächtig gewesen, das um ihn herum alles verstummt sei und sich die Gefühle nur noch taub anfühlten. Seine Kinder waren damals 9 und 11 Jahre alt - die Frage war „wie schaffe ich es / wir es, in dieser rauen See ein Ufer zu finden. Wie schaffe ich es, ihnen den Lebensmut zu bewahren.“ Es sei ihr Leid und ihre Zukunft gewesen, die ihn agieren und funktionieren ließen. Er habe seinerzeit in London eine Trauerbegleiterin gefunden, die ihn 18 Monate lang durch alle Untiefen und Verzweiflung manövriert habe. Parallel dazu habe er versucht, wieder Musik zu machen. Musik sei für ihn immer der Ur-Halt, der wesentliche Bestandteil seines Kerns gewesen. Schon seit seinem 4. Lebensjahr habe er lauthals gesungen u.a. für Kaffeekränzchen seiner Oma. Später lernte er Ukulele, Gitarre und Klavier, spielte mit 13 Jahren in seiner 1. Band. Ohne das Singen wäre er schwer melancholisch geworden, da u.a. das Verhältnis zu seiner Mutter angespannt war. In seiner Pubertät habe er stundenlang Gitarre gespielt und Songs von Leonard Cohen, Bob Dylan gesungen - viele seiner Probleme in der Zeit habe er so verarbeitet.

Musik sei seine engste Freundin und Vertraute gewesen, eine wundervolle Droge, ein Beruhigungsmittel. Wenn er sang, sei dies für seine Kinder ein Zeichen gewesen: „Das Leben ist in der Balance, es ist stabil und dem Vater geht es im Moment gut.“ Seine 9-jährige Tochter habe auf den Tod der Mutter mit dem Satz reagiert: „Du hörst nicht auf zu singen und uns kommt keine andere Frau ins Haus!“ Wenn man trauere, fallen Brustkorb und Schulter ein, der Gang werde schwer, hektisch, und man rolle sich ein. Mit solch einer Körperhaltung könne man nicht singen. Sobald man singe, straffe sich der Brustkorb, die Schultern wandern nach hinten, man versetze seine Lunge in Schwingung, man vibriere. Es entkrampfe, erleichtere und lasse einen im Moment durchatmen und frei werden. Es sei ein gewisses Aufbäumen gegen den Schmerz, die seelischen Verwundungen und gegen das übermächtige Dunkel. Man erklinge und spüre sich wieder. Man docke über die Musik wieder ans Leben an. Man komme mit sich wieder in Kontakt, wärme und erde sich, lasse sich von den Gefühlen überwältigen, aber gleichzeitig spüre man eine Geborgenheit und Heimat. Musik fange einen auf. Musik zu machen sei ein unfassbares Geschenk für ihn. Er trage sie bei sich wie einen Schatz, der ihn immer begleite.

Die ersten Versuche in der Trauerbewältigung wieder Musik zu schreiben seien die ersten Schritte aus der Tragödie gewesen. Seine Platte „Mensch“ sei das erste Durchatmen gewesen, musikalisch als auch im Leben. Mit der 2 Jahre andauernden CD-Produktion habe er versucht, sich mit der Musik wieder an die Oberfläche zu hangeln. Musik sei für ihn ein großer Motivator, Tröster, Seelenverwandter, Energiespender, Retter und Befreier. Sie kümmere sich, unterstütze, rühre, belebe, leide mit und beschütze. In ihr könne man sich erneuern. Sie sei ein enormer Beitrag zur Heilung der Seele. In seinem Album „Bleibt alles anders“ aus dem besagten Jahr 1998 habe er alles in die Waagschale geworfen, um dem drohenden Leid entgegenzutreten. Das gleichnamige Lied habe 2 Insassen von psychiatrischen Kliniken, die ihm geschrieben haben, unabhängig voneinander davon abgehalten sich umzubringen. Jedes menschliche Netz erfahre durch Musik eine Stärkung, Bestätigung, Erneuerung und Zuspruch. Musik habe ihn als guten Freund wieder ins Leben zurück begleitet, ihn gestützt und ihm die Schönheit des Seins neu aufgezeigt. Genauso löse sie auch immer wieder Schmerz und Melancholie aus, aber sie helfe anschließend immer wieder sich auszubalancieren und zu stärken. Musik habe eine magische Kraft, einen unerklärlichen Zauber, sie sei das Leben. Er habe immer wieder in seiner Trauer in der Musik nach Momenten der inneren Verknüpfung gesucht, nach den Millisekunden, in denen er sich in der Vergangenheit verlierend plötzlich schwelgen und festigen konnte, sich lebendig fühlte. An diese Momente habe er seine Hoffnung geknüpft, dass er sie wieder findet und sie ein Fundament bilden, auf dass er ein neues, anderes und verändertes Leben bauen könne. Diese elementare frühere Beziehung zu Melodie, Rhythmik, Harmonik und Farbigkeit seien der Grundstock für seine brüchige Zuversicht gewesen. Gleichzeitig sei es eine große Hilfe gewesen, dass er mit seinen Texten zur Musik sich mit seiner Seelenlage auseinandersetzen konnte. Die Worte drücken dabei nur das aus, was bereits in der Musik liege. „Wenn ich nicht mehr singe, bin ich nicht mehr. Wenn ich nur noch schweige, dann falle ich in mich zusammen.“ Das große Geschenk des Lebens an ihn sei gewesen, das die Musik ihn wieder aufgesucht und gefunden hat, das sich die Worte wieder eingestellt haben. Dass der Musiker Herbert Grönemeyer sich so nahbar zeigt, seinen persönlichen Weg der Trauerbewältigung mit dem Publikum teilt, empfindet dieses als große Bereicherung und dankt es mit lang anhaltendem Applaus.

Eckart von Hirschhausen versteht es wie kein anderer, Themen wie Gesundheitsprävention, Selbstwirksamkeit der Patienten, Selbst-Fürsorge ebenso kompetent wie humorvoll dem Publikum zu vermitteln. Dass es ihm um mehr als Entertainment geht, ist in seinem Vortrag und Workshop immer wieder zu spüren. Er möchte das Gesundheitssystem menschlicher gestalten, persönliche Zuwendung / Begegnung und nachhaltige Gesundung - u.a. durch seine Stiftung „Humor hilft Heilen“ (Link). Er kommt immer wieder auf die heilsamen Kräfte des Singens, der Musik, zu sprechen, regt die Teilnehmer zum Kanon-Singen an und verweist u.a. auf den „Chor der Muffeligen“, der sich im Herbst 2013 aus sanges-unerfahrenen Menschen, die von Krankheiten, Problemen in Familie oder Partnerschaft geprägt waren, gebildet hat. Dieser Chor hat sich 3 Monate lang wöchentlich einmal zur Chorprobe getroffen, um sich unter professioneller Anleitung auf einen Auftritt in der Kölner Philharmonie vorzubereiten. Vor und nach jeder Probe wurde die Konzentration des Hormons Oxytocin gemessen, das eine stresslösende Wirkung hat, zu Wohlbefinden führt und zudem zwischenmenschliche Nähe begünstigt. Ergebnis: Der Oxytocin-Pegel war nach dem Singen signifikant erhöht. In diesen Videos erklärt Dr. Hirschhausen ausführlich die gesundheitsfördernden Wirkungen des Singens: http://youtu.be/sykUsnWDxjA

In der abendlichen Podiumsdiskussion interviewt Dr. Hirschhausen die Referenten der Konferenz nochmals zum Thema und bezieht am Ende das Publikum mit ein. Grönemeyer verdeutlicht nochmals, wie wichtig für ihn die psychotherapeutische Begleitung in der Trauer gewesen sei: Wenn die Seele verletzt werde, dann sei dies in unserer westlichen Welt oft eine Art Schandfleck. 1998 habe es in der onkologischen Klinik in Kiel noch keine psychoontologische Begleitung gegeben. Der damalige Chefarzt habe ihm auf die Frage nach einer Psychologin geantwortet: „Das regeln wir Ärzte selber“. Inzwischen habe sich hier viel Gutes getan, die psychoonkologische Versorgung habe sich verbessert. Psychologen haben ihm sehr geholfen, den Kopf aufzuräumen und Gefühle zu sortieren.

Thematisiert wird in der Diskussion mit dem Publikum u.a. die Bedeutung des Humors auf der Station, der für die Bewältigung der enormen beruflichen Anspannung des Pflege- und Arzt-Teams sehr wichtig sei.
Am Ende der Diskussion fordert Dr. Hirschhausen mich auf, als praktisches Beispiel für humorvolles Singen, mit dem Publikum ein Lied zu singen. So singen ca. 400 Teilnehmer beschwingt das afrikanische Lied „Bele Mama“ und haben hörbar und sichtlich viel Spaß daran. Zum Ausklang des Abends singen wir gemeinsam „Der Mond ist aufgegangen“ - das Licht wird herunter gedimmt, und der „Chor“ aus Teilnehmern und Referenten singt alle 4 Strophen dieses wunderbaren Liedes in inniger Weise - „Gänsehaut pur“.

Am nächsten Vormittag eröffnen die Klinik-Clowns mit dem Musiker Martin Rühmann von „Salus-kulturell“ (Link) das Programm. Erfreulicherweise erscheint trotz der Abreise von Herbert Grönemeyer und Eckart von Hirschhausen ein Großteil der Teilnehmer und lässt sich schnell von der Spielfreude der Clowns anstecken und zum Mitmachen anregen.
Zwei Musiktherapeutinnen aus einer Salus-Klinik vor Ort sowie Martin Rühmann motivieren das Publikum zu einer mitreissenden Body-Percussion.

Mir kommt dazu der Song „We will rock you“ von Queen in den Sinn - ich gehe zur Bühne und frage die Kollegen, ob wir nicht besagtes Lied gemeinsam mit dem Publikum singen können. Sie holen mich auf die Bühne und ich stimme zur Body-Percussion den Refrain an. Martin Rühmann, der bereits an der Trommel aktiv ist, wirft mit rockiger Stimme die Strophen ein: „Alle meine Entchen schwimmen auf dem See, Köpfchen in das Wasser und Schwänzchen in die Höh“ - gefolgt vom Refrain „We will, we will rock you!“ - der Raum bebt und alle Teilnehmer sind sichtlich in Party-Laune.

In meinem anschließenden Vortrag stelle ich zunächst das Anliegen der Singenden Krankenhäuser, die Wirkungsfelder sowie die Weiterbildung vor. Ich knüpfe unmittelbar an die Ausführungen von Eckart von Hirschhausen vom Vortag zu den gesundheitsfördernden Wirkungen an. Die stärkste Wirkung im Gruppensingen geht von der erfahrenen, gefühlsintensiven Verbundenheit aus, die u.a. den Pegel des bereits oben genannten „Kuschel-Hormons“ Oxytocin drastisch ansteigen lässt. Dieses Hormon wirkt enorm stresslösend, angstlindernd und unterstützt menschliche Nähe, fördert die Beziehungsfähigkeit.

Anhand von Liedern wie das ruhig-fließende „River is flowing“ oder das beschwingte „Bele Mama“ erläutere ich die musikalischen Wirkfaktoren, die auch auf unsere Art und Weise des Sprechens übertragen werden können und somit auch für jede therapeutischen Begegnung relevant sind. Im Zentrum meines Vortrages steht ein Film, der die „Singgruppe in der Psychoonkologie“ der Uniklinik Köln / LebensWert e.V. portraitiert: http://youtu.be/LlYJELS0N10 Ca. 25 Krebspatientinnen singen und tanzen zu Liedern, die u.a. „Erdung - Leichtigkeit“, „Verbundenheit - mit sich und anderen“ zum Klingen bringt. In ihren Rückmeldungen sprechen sie von den diesbezüglichen persönlichen Erfahrungen, der Lebensfreude und Energie, aber auch vom Trost und der Gemeinschaft, insbesondere des „Angenommen- und Geliebtseins“, die sie im Singen spüren und die einen großen Anteil zu ihrer Krankheitsbewältigung beitragen. Singen kann Patienten in ihrer Gefühlswahrnehmung und - Ausdruck unterstützen. Die Singleiter helfen ihnen, hierzu einen stimmigen Rahmen zu finden.

Gegen Ende meines Vortrags komme ich auf die „Singenden Umzüge“ in der Uniklinik Köln als Beispiel für „Humor in der Klinik“ zu sprechen. In diesem Jahr startet der inzwischen 3. Singende Umzug am 12.2.2015 um 11.11 Uhr im Foyer des Herzzentrums der Uniklinik Köln.

Abschließend singe ich auf Wunsch des Auditoriums noch einmal das „Bele Mama“ - begleitet von dem Percussionisten Dr. Assion Lawson, Die Teilnehmer stehen sogleich auf und singen beschwingt mehrstimmig mit - ein wunderbarer, kraftvoller Ausklang der Konferenz.

Vortrag und Film stießen auf sehr erfreuliche Resonanz: Eine Stunde lang wurde ich im Anschluss noch von Musik- und Psychotherapeuten, Ärzten, Journalisten und Veranstaltern der Konferenz zum Thema Gesundheit zu den Singenden Krankenhäusern befragt - es ergaben sich vielfältige Vernetzungen.
Endlich lernte ich auch hier die Musiktherapeutinnen Simone Willig, Silke Kammer und Barbara Weinzierl kennen, welche die Singenden Krankenhäuser mit ihrer Kompetenz u.a. im Bereich Singen-Demenz bereichern.

Ein ganz herzliches Dankeschön geht zu guter letzt an Dr. Eckart von Hirschhausen, der den Singenden Krankenhäusern zu dieser Plattform verholfen hat und unser Anliegen, „singend“ Gesundheitseinrichtungen und Kliniken zu „beseelen“, in wunderbarer Weise unterstützt.

Norbert Hermanns

Interview mit Michael Betzner-Brandt

Unser musikalischer Botschafter Michael Betzner-Brandt befragt von Kordula Voss

Fragen von Kordula Voss, Singende Krankenhäuser e.V.
Antworten Michael Betzner-Brandt, 02.04.2014

Welche Bedeutung hat das Singen für Dich persönlich?
Welche Wirkungen hat das Singen auf Dich?


Singen ist für mich ein Mittel, um mich und die Welt besser zu verstehen und zu erkennen. Mehrmals am Tag frage ich mich, wie es mir jetzt gerade geht und nehme mir eine kurze Auszeit für mich. Das kann eine halbe Minute sein. Und da singe ich leise und für mich einen kleinen Soulsong, der mir detailliert darüber Auskunft gibt, wie und wo ich gerade bin und in welcher Stimmung ich bin. Das entspannt, bringt mich in den Moment und ich bin ein wenig mehr im Einklang mit mir. Übers Singen geht’s bei mir am schnellsten. „Nur“ Atem beobachten geht manchmal auch.
Ich nutze das Singen auch im Kontakt zur Welt. Manchmal „singe“ ich beim Spazierengehen die Silhouette des Horizonts. Oder ich nehme eine Blume oder einen Grashalm oder im Museum ein Kunstwerk und tue so, als wäre das eine Partitur. Ich singe es ab, manchmal singe ich es an.Ich lasse mich davon inspirieren. Und das kann ich dann am besten in meinem Herzen, meinem Verstand und in meinem Körper verstehen und fühlen, wenn ich singe.
Auch im Kontakt zu meinem Mitmenschen, im Gespräch zum Beispiel, achte ich manchmal bewusst nur auf den Stimmklang, selbst auf die Gefahr hin, dass ich darüber den Inhalt, die Semantik dessen, was mir jemand sagt, nicht mitkriege. Aber die Stimme transportiert eben auch wichtige Informationen und ist einfach schön anzuhören, eben weil sie so persönlich ist.


Welche Wirkungen des Singens beobachten Du bei Anderen (Kollegen, Publikum ...)?

Singen ist nun mal im Gegensatz zum Hören eine eher aktive Tätigkeit. Diese Aktivität steigert die Energie in jedem Einzelnen und einer ganzen Gruppe, zum Beispiel ein Publikum. Bei unseren Chorkonzerten bauen wir immer wieder Stücke und Aktionen ein, wo das Publikum eingeladen ist mitzusingen. Das schafft nicht nur ein stärkeres Gemeinschafts- und Solidaritätsgefühl, sondern als Ausführende auf der Bühne haben wir das Gefühl, ein Publikum, mit dem wir gemeinsam singen oder gesungen haben, hört intensiver und offener zu. Das gemeinsame Singen verändert die Stimmung im Saal zum Positiven.
Beim Ich-kann-nicht-singen-Chor, der einmal monatlich in der Berliner Urania stattfindet, gibt es in dem Sinne kein Publikum. Bzw. alle sind gleichzeitig Ausführende und Publikum. Ich mag die heitere, offene, gelöste Stimmung, die bei dieser Veranstaltung mit ca. 150 Menschen entsteht. Das geht da aber nicht nur durchs Selber-Singen, sondern auch durch Spiele zur Kontaktaufnahme, der Konzentration aufs eigene Körpergefühl und leichte, kreative, lustige Kommunikationsspiele. Dazu kommt dann noch die Kraft der Musik, der neuen und altbekannten Songs. Das ist eine Energiedusche für mehr als einen Tag.


Welches Anliegen verbindest Du mit Ihrem Engagement bei den "Singenden Krankenhäusern", was bewegt Dich zu diesem Engagement?

Singen kann den Heilungsprozess beschleunigen, unterstützen und erträglicher machen. Wer als Patient im Krankenhaus weilt, setzt sich damit auseinander, dass irgendwas im Körper - durch welche Ursachen auch immer - nicht so läuft wie es schön wäre. Das kostet Kraft. Dabei weiß man sich im besten Falle in guten Händen bei kompetenten Ärzt/innen/en und wirksamen Medikamenten und Behandlungen. Allerdings werden diese Medikamente und Behandlungen von außen an einen herangetragen. Darüber kann man schon mal vergessen, dass die eigentliche Kraftquelle in jedem selber liegt. Manchmal, im Krankenhaus, ist diese eigene Kraftquelle etwas verborgen und nicht so stark sprudelnd. Manchmal versiegt sie sogar und man stirbt.
Singen kann eine Möglichkeit sein, an die eigne Kraftquelle bei sich anzudocken. Entweder schlicht dadurch, dass man fühlt, wie die eigene Stimme im eigenen Körper vibriert und ihn buchstäblich in Schwingung bringt. Dann aber auch durch die Emotionen, die in vielen hunderten Songs zum Ausdruck gebracht werden. Ein Lieblingslied ist auch dann noch ein Lieblingslied, wenn es einem sehr dreckig geht. Und wenn man Angst hat oder Sorgen, kann es befreiend und wohltuend (und nicht etwa noch verstärkend) sein, wenn man genau über diese und aus diesen unliebsamen Emotionen singt.
Die Bluesmusiker machen es vor: Dadurch, dass sie singen, wie sehr sie den Blues haben, ändert sich vielleicht erstmal nichts an ihren Lebensumständen. Allerdings in ihrem eigenen Erleben ändert sich durchaus alles: Es macht viel mehr Spaß und gibt viel mehr Kraft den Blues zu singen als den Blues zu haben.
Deshalb finde ich es eine sinnvolle, gute und unterstützenswerte Idee und Initiative von Singende Krankenhäuser e.V., sich dafür einzusetzen, dass eine wissenschaftlich erwiesenermaßen gesundheitsfördernde Behandlungsmethode wie das Singen als elementarer Bestandteil im Heilungsprozess mitbedacht würde.

Auszeichnung – Einrichtung in Ober-Ostern erhält für ein ungewöhnliches musikalisches Angebot ein Zertifikat

Es ist geschafft: Heimleiterin Marianne Göckel (stehend links) hält das begehrte Zertifikat in den Händen. Neben ihr (stehend Mitte)) Vera Kimmig vom Netzwerk „Singende Krankenhäuser e.V.“ und Musikpädagogin Elke Turba (stehend rechts). Foto: Kirsten Sund

Die Senioreneinrichtung „Marianne“ in Ober-Ostern führt jetzt den Titel „Singendes Altenheim“. Bei einer fröhlichen Kaffee-Singstunde mit Angehörigen und Ehrengästen nahmen die Bewohner und Heimleitung das entsprechende Zertifikat entgegen.

Der Saal schien aus den Nähten zu platzen: Heimbewohner, Angehörige, Öffentlichkeitsträger, Presse, Personal, Geschäftsleitung waren gespannt auf die Zeremonie. Die Erwartungen im Hinblick auf die besondere Auszeichnung am 15.November 2014 wurden bei Weitem übertroffen. Eingeleitet wurde die Feierstunde von der Singleiterin Elke Turba, mit einem afrikanischen Begrüßungslied „Binamo, binamo e“, mit dem jedes Sing-Treffen im Hause beginnt, da es zwischenzeitlich zum Lieblingslied der Senioren wurde. Frau Vera Kimmig, Geschäftsstellenleiterin des Vereins „Singende Krankenhäuser e.V.“ führte mit großem Engagement und Wissen kompetent und kurzweilig durch den Nachmittag. Mit beachtlicher Energie zog die Fachfrau ihr Programm durch, berichtete über Anfang und Anspruch des Vereins, und brachte zwischendurch die Anwesenden immer wieder zum Singen. Und alle folgten ihr willig, wiegten sich im Takt, schnippten mit den Fingern oder bewegten die Hände.

Vermeintlich nicht gesellschaftstaugliches menschliches Grundverhalten wie Strecken, Gähnen, Loslassen von Spannung in Form von Stöhnen sorgten in diesem Rahmen für viel Spaß mit erstaunlich befreiender Wirkung. Summend konnte man eintauchen, die Heilsamkeit der eigenen Stimme über Vibrationen zu erspüren und die belebende Kraft der eigenen Stimme erfahren. Wissenschaftliche Hintergründe wurden von Frau Kimmig anschaulich und lebendig vermittelt. Vera Kimmig sorgte dafür, dass die Teilnehmer plötzlich Sänger, Schauspieler und Instrumente zugleich waren. Mit Leichtigkeit sangen alle ohne Vorkenntnisse in mehreren Sprachen, die körperlichen Bewegungen ergaben sich fast als Begleiterscheinung. Das manchmal geradezu belächelte „Heilsame Singen“ hüllte den Saal in Wohlgefühl und kraftvolle Energie. Singend konnte so überzeugt werden, dass man mit Vorurteilen, nicht singen zu können, aufräumen kann. („ ... sage nie mehr: Singen kann ich nicht!“) Voll Inbrunst stimmten alle danach in das Lied „Singen ist Medizin…“ ein.

Es war ein beeindruckender Höhepunkt, als Heimleiterin Marianne Göckel und Singleiterin Elke Turba das ersehnte Zertifikat in Händen halten konnten. Mit der Weiterführung des Singangebotes gilt es, das tatkräftige Erleben in Melodie, Rhythmus und Bewegung weiter zutragen, Herzen zu öffnen und damit dem alltäglichen Singen die entsprechende Wertschätzung entgegen zu bringen. Strahlende Augen und glückvolles Lächeln sind ein unsagbares Geschenk für Singleiter und Sänger gleichermaßen.

Nach den Abschlussworten von Elke Turba blieben große Dankbarkeit und Erfüllung sowie Erwartung auf mehr … zum Wohle Aller … für Körper, Geist und Seele. Auch, dass die Ausbreitung des Singgedankens immer weitere Kreise ziehen möge. Denn die Vision des internationalen Netzwerks „Singende Krankenhäuser e.V.“ ist ein Gesundheitswesen, in dem die heilsame Kraft des Singens für Patienten, Mitarbeiter und Gesundheitsinteressierte zugänglich ist und mehr und mehr genutzt wird. Wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Erfahrungen zur Singgruppenarbeit werden deshalb in Aus-und Weiterbildungen an Therapeuten wie engagierte Laien weitergegeben.

Bericht: Elke Turba

Singen mit flüchtigen Menschen in Weingarten

Ein Erfahrungsbericht der Singleiterin Petra Allgaier

Es ist ein leichter Gang an diesem Sonntagnachmittag – die Stufen in strahlendem Sonnenschein den Martinsberg hinauf, der Basilika St.Martin entgegen. Sonja Heim, Geschäftsführerin von Singende-Krankenhäuser e.V., machte meinen Mann und mich auf die Menschen aufmerksam, die auf Initative der Kirche in der Basilika Weingarten Zuflucht gefunden haben. In Gesprächen mit Schwester Ines, Flüchtlingsbetreuerin, wurde deutlich, dass es hier darum gehen könnte, trotz Heimatverlust, kulturellem Sich-Fremdsein und sicher auch traumatischen Lebenserfahrungen ein Miteinander–Dasein zu schaffen.

Wir beschlossen, einfach ins Tun zu gehen – das, zu leben, was Singende Krankenhäuser e.V. als Motto trägt: SINGEN – hilft heilen! Bei den betreuenden Schwestern Ines und Regina stießen wir sofort auf offene Ohren. An diesem besagten Sonntagnachmittag sind wir in Vorfreude auf die Begegnung und die Verbindungen, die die Musik schaffen kann. Wir werden von den Schwestern herzlich begrüßt und in den Innenhof geleitet, in dem die sogenannten „Asylbewerber“ versprengt sitzen. Als erstes begegnen wir Benjamin, ein afrikanischer Flüchtling, Schwester Regina und zwei weiteren Frauen, die hier mit den „Neuankömmlingen“ sind. Schwester Regina und Benjamin fädeln Perlen auf. Eine freundliche Begegnung und herzliches Willkommen heißen.

Wir packen unsere „Mitbringsel“ aus: Die Gitarre und eine Tasche voller Rhythmusinstrumente. Erste Akkorde erklingen. Benjamin wendet sich uns zu. Unser singender Austausch beginnt. Wir stimmen „Willkommen in diesem Raum“ an – Benjamin singt irgendwann mit – ganz in seiner Art und Weise.

Daraus entsteht sacht ein Geben und Nehmen. Wir lassen uns von Benjamin „seine“ Lieder zeigen. Spirituals – afrikanisch gesungen. Danke fürs Beibringen, Benjamin.

„Meine Füße fest auf Mutter Erde“ erschließt Sprache und sorgt für Wurzeln. Benjamin geht freudvoll auf die Wortdeutungen über den Körper ein. Nach und nach füllt sich der Hof mit Männern, Stühle werden herbeigebracht, Trommeln tauchen auf. Aus einer Handvoll Menschen werden ca. 20-25. Es gibt Hinhörer und Mit-Macher.

Sehr berührend ist der Moment, als sich alles „verselbstständigt“. Diese temperamentvollen Menschen singen und trommeln in ihrer Mentalität, als gäbe es in ihrem Leben nichts anderes. Lebensfreude pur, Bewegung, Tanz - zwei wundervolle Stunden voller Rhythmik und „dunklen“ Gesängen. In diesem Moment ziehen wir uns mit unserem Tun zurück, schwingen mit und sehen die Freude, die in den Gesichtern der Männer und deren Körpern zum Ausdruck kommt. Es sieht so aus, als hätten sie in diesem Augenblick ihre zum Teil unglaublichen Lebensgeschichten einfach „vergessen“.

Vielleicht braucht es nur „ein kleines Lied“, Offenheit und einen Impuls. Singen bewegt, verbindet, gliedert ein und schafft Brücken. Auf unserem Heimweg beschließen wir ein Wieder-Singen!

Informationen zum Spendenprojekt

6. Bonner Nacht der spirituellen Lieder am 07.11.2014

Die 6. Bonner Nacht der spirituellen Lieder am 07.11.2014 war in jeder Hinsicht ein voller Erfolg. Angefangen bei den Besucherzahlen: Etwa 200 Menschen von nah und fern fanden bei trübem Novemberwetter und trotz Lokführerstreik den Weg in die St. Franziskus-Kirche, wo Stühle und Bänke gerade ausreichten und schon ein wenig zusammengerückt wurde.

Auch die musikalische Vielfalt wurde schnell deutlich: Nach instrumentaler Einstimmung durch Gastmusiker Christian Bollmann und Stamm-Musiker Burkhard Müller eröffnete Susanne Irina Wagner den Abend kraftvoll trommelnd mit einem indianischen Begrüßungslied. Die BesucherInnen hielt es nicht lange auf ihren Plätzen und flugs war die Kirche erfüllt vom Mit-Singen und -Stampfen. Nach dem offiziellen Willkommen-Heißen mit Bekanntgabe des Spendenzwecks für Singende Krankenhäuser e.V. konnte es dann richtig losgehen. Die musikalischen Gäste Christian Bollmann und Jutta Reichardt boten eine bunte Mischung aus bekannten Chants und eigenen Liedern, einige davon mit deutschem Text und oft durch Bewegungsanleitung ergänzt, was zur Nachahmung anregte. Wie immer war alles möglich und erlaubt, so auch freies Tanzen - adlergleiches Abheben - als der Abend mit "Aweahey Aweaho" eine Art energetischen Höhepunkt erfuhr.

Zeit für eine kurze Pause, in der sich viele TeilnehmerInnen an den Ständen der Musiker mit CDs eindeckten und mit großem Interesse über die Arbeit der Singenden Krankenhäuser informierten. Der zweiten Teil des Abends, den die Gastgeber Dieter Wienand und Susanne Irina Wagner mit den übrigen Musikern gemeinsam gestalteten, ging ebenfalls abwechslungsreich weiter: von bewegt, tanzend, mehrstimmig, über Tönen und Stille - auch hier war sicher für jeden etwas dabei.  Schade nur, dass immer dann aufgehört wird, wenn es am schönsten ist... Nicht ganz, denn es gab es noch eine Zugabe "Liebe bist du, Freude und Licht, drum leuchte und strahle, wo immer du bist". Passender hätte es nicht sein können, denn sofort breitete sich beschwingt von den letzten Klängen des Abends Vorfreude auf den nächsten Termin am 29.5. mit Brigitte Schmitz aus.

Es wurden noch etliche Gespräche geführt, während das Team mit dem Abbau begann und ein prall gefüllter Spendenkorb gezählt werden wollte. Wir (das Team der Bonner Nacht der spirituellen Lieder) freuen uns, die Arbeit der Singenden Krankenhäuser mit 1200 Euro zu unterstützen.

Bericht von Susanne Irina Wagner

3. Chiemgauer Singfest

Auch dieses Jahr im Oktober war es soweit und die Tore vom Schloss Oberbrunn wurden wieder für alle Singbegeisterten geöffnet! Singen verbindet – dies war bereits am Freitag abend bei der Nacht der spirituellen Lieder mit Frank und Christa Schäffer - oder kurz FraCri - spürbar. Am Samstag beim Singfest mit verschiedenen Singleitern aus der Region kamen dann ca. 50 bis 60 Menschen zusammen, um miteinander zu singen, zu tanzen und zu sein. Es war ein sehr harmonischer Tag, an dem neue Bekanntschaften geschlossen wurden, Singende und Singleiter sich vernetzen konnten und auch einige alte Bekannte sich wieder getroffen haben. Natürlich kamen am Abend zum Mitsingkonzert von Hagara Feinbier und Band noch einige neue Besucher dazu, so dass wir diesen Part nach oben in den großen Raum vom Schloss verlegt haben. Durch viele helfende Hände wurde es möglich, dort einen sehr innigen Abschluss des Singfestes zu feiern. Herzlichen Dank allen, die zum Gelingen dieses wundervollen Festes beigetragen haben!

Voller Freude dürfen wir nun die tolle Spendensumme von 700 € für den Verein "Singende Krankenhäuser e. V." bekannt geben. Die Veranstalter Christa und Frank Schäffer bedanken sich bei allen Teilnehmern und Helfern des diesjährigen Singfest. Bestimmt gibt es nächstes Jahr bereits das 4. Singfest im Chiemgau!

SINGT! - Benefizkonzert in Bonn am 24.10.2014

Schon wieder eine Woche her und mir gleichwohl in lebendiger Erinnerung hat am 24.10.2014 ein ungeheuer warmes, kraftvolles und sehr bunt gemischtes Konzert in der Kirche St. Cyprian in Bonn stattgefunden.
Im Zentrum des Abends stand Monika Wiese, Singleiterin und Körpertherapeutin in Köln und Bonn. Von dem Zündfunken ihrer Idee, ihren musikalischen Freundeskreis, der weit über Deutschland verstreut ist, zu einem öffentlichen musikalischen Ereignis zusammen zu bringen und den Erlös den Singenden Krankenhäusern zugute kommen zu lassen, hatten sich offenbar viele Menschen anstecken lassen.

Die Musik die im Laufe des Abends das Ohr des geneigten und überraschten Publikums erreichte, hätte vielfältiger und bunter nicht sein können: Oft virtuos, mal furios, mal zärtlich und immer mit spürbarer Berührung und Freude rissen MusikerInnen und SängerInnen das Publikum mit. Eröffnet hatten den Abend der Chor der „Starken Stimmen Bonn“, den Monika Wiese leitet und der mit seiner Energie und Offenheit schnell den Draht zum Publikum hergestellt hatte. Unterbrochen von einer sehr sinnvollen Verschnaufpause (zum Essen, Trinken, Klo besuchen und Spiegelneuronen auslüften - bei soviel lebendiger Emotionalität!) ging die Reise durch alle möglichen musikalischen Stile, Formationen, Stimmungen und Räume: Unterwegs waren wir z.B. mit der Flötistin Susanne Schietzel, die sich unter exzellenter Begegnung und Begleitung von Pianist Berthold Wicke mit ihren immer neu hervor gezauberten Flöten - teilweise Schwanenknochenflöten aus der Eiszeit - nahezu selbst in einen Vogel verwandelte.

Unterwegs auch mit den wunderbaren Kölner Vokalsolisten sowie der niederländisch – russischen Sängerin und Botschafterin der Singenden Krankenhäuser Irina Zuboff die mit Organistin Olga de Kort zwei berührende „Gänsehaut - Lieder“ sang, mit einer extra für diesen Abend entstandenen improvisationsstarken „Köln – Stuttgarter Jazz – Vereinigung“ und last but not least mit der stimmgewaltig – sprühenden Sopranistin Cosima Seitz die sowohl die Königin der Nacht gab, als auch mit Puttin´on the Ritz den Singenden Krankenhäusern eine eigene liebevolle Strophe umdichtete.

Mittendrin unsere Reiseleiterin Monika Wiese, die moderierend, verbindend und erzählend aus immer neuen Perspektiven ihr Herzensthema unterstrich: Singen unterstützt die Begegnung mit mir und anderen und hält diesen Kontakt lebendig. Singend wende ich mich lustvoll – spielerisch meiner Gesundheit und meinem Heilwerden zu.
Klar folgten wir als Publikum ihrer Einladung in die aktive Rolle zu wechseln und nach der Pause ein gemeinsames Warming up zu machen, das Monika Wieses Botschaft in Wort und Ton so ausdrückte: „Ein kleines Lied, ein klitzekleines Lied, ein kleines Lied jeden Tag, ändert Dein Leben und es bleibt nichts wie es war.“

Am Ende des Abends, nach einem großen Finale waren alle Protagonisten vor und auch hinter den Kulissen (SiKra – Standbetreuerinnen, Brötchen – Stylistinnen, Orga – Helferinnen....jemand vergessen?) erfüllt und froh mit dabei gewesen zu sein. Dass die vielstimmige Botschaft „Singt!“ das Publikum erreicht hatte, zeigte sich auch in dem stolzen Spenden - Erlös von 550 €, der nun die Arbeit des Netzwerkes der Singenden Krankenhäuser unterstützt.
Vielleicht gibt’ s von diesem lebendigen Abend ja eine Fortsetzung? Ich wäre wieder dabei.

Ein Bericht von Bärbel Kükenshöner

2. Bad Segeberger Symposium "Medizin trifft Kunst" am 3.10.2014

Foto: Erken Schröder / v.l.n.r.: Prof.Dr.Hauptmann, Prof.Dr.Altenmüller, Bernd Braun, Norbert Herrmanns, Monika Wiese

Am Tag der Deutschen Einheit trafen sich über hundert Interessierte zum 2. Segeberger Symposium „Medizin trifft Kunst“, organisiert von der Parkinson-Selbsthilfe Bad Segeberg – Bernd Braun sei hier als Ideengeber genannt– und der neurologischen Klinik vor Ort. Ich hatte die Freude als freie Teilnehmerin dabei zu sein, gemeinsam mit Norbert Herrmanns und Ulrike Behr als Singleiter und Dozenten.

Der Schwerpunkt des Symposiums lag in diesem Jahr auf den affektiven Störungen, welche mit der Erkrankung häufig einher gehen. Das subjektive Erleben der Lebensqualität wird durch sie mitunter mehr eingeschränkt als durch die motorische Beeinträchtigung und wird in seinem Ausmaß oft unterschätzt.

Das Fachsymposium wendete sich in erster Linie an Betroffene, wies aber eine illustre Schar von Wissenschaftlern auf. So war der erste Tag den medizinischen Hintergründen gewidmet, um in die Thematik einzusteigen. Beeindruckend war hier die Überzeugung und das persönliche Engagement der Ärzte, die jeweils aus ihren Fachgebieten berichteten, namentlich Prof. Dr. Hauptmann, Dr. Witt und nicht zuletzt der bekannte Musikmediziner Prof. Dr. Altenmüller, der Beirat unseres Netzwerkes ist. Dieser erläuterte ebenso kurzweilig wie humorvoll an Beispielen die hirnphysiologische Grundlagen emotionaler Wirkungen und stellte einen Bezug zur Entwicklungsgeschichte des Menschen und der Rolle der Musik im „Überlebenskampf” her. Sein Modell geht davon aus, dass die emotionale Wirkung von Stimme und Musik mehrere evolutionäre Grundlagen hat. Zum Einen sei sie auf einem allen Säugetieren gemeinsamen Code effektiver Lautäußerungen (Schmerzensschreie, Wimmern, Seufzen ...) begründet, zum Anderen als „Erfindung” des Menschen vor einigen hunderttausend Jahren ausdifferenziert worden, wobei vermutlich der parallel verlaufende Spracherwerb hier eine wichtige Rolle spielte. Das Singen sei sehr wertvoll für die Stärkung der Ausdrucksmöglichkeiten und somit für die Gesundheit des Menschen. Prof. Altenmüller betonte die Bedeutung des Singens für Sprach(wieder)erwerb, Gemeinschaftsbildung und das Immunsystem – und erwähnt in diesem Zusammenhang die Relevanz der „Singenden Krankenhäuser e.V.“, für die er sich gern einsetze. In einem anschließenden kurzen persönlichen Gespräch unterstrich er nochmals seine Unterstützung für die Singenden Krankenhäuser auch in Zukunft und bedankte sich herzlich bei allen SiKralinern für deren Engagement.

Mit praktischen Workshops der künstlerisch-aktivierenden Verfahren folgte der zweite Tag: die Teilnehmer durften in Tanz- und Bewegungsimprovisation, Musizieren, Theater und im gemeinsamen Singen verschiedene künstlerische Ausdrucksmittel erfahren. Gleichzeitig wurden so die Bereiche angesprochen, die sonst Inhalt der übenden Verfahren – also Physiotherapie, Logopädie, Ergotherapie – sind: große Bewegungen, Ausdruck von Emotionen, Einsatz von Sprache, Kräftigung der Stimme.

Die 5 Workshops mit Norbert und Ulrike fanden eine sehr positive Resonanz. Humorvolle, logopädische Impulse, die in entsprechendes rhythmisch-beschwingtes Singen und Tanzen mündeten, erhöhten sicht- und hörbar die Begeisterung der Teilnehmer am künstlerischen Ausdruck und rief ein großes Interesse an entsprechenden Singgruppen und Weiterbildungsangebot von Sikra hervor. Die Stimmung und die gelösten, heiteren Gesichter am Ende des Tages sprachen eine eigene Sprache. Sehr berührend und beeindruckend waren zwei Videos am Abend der laufenden Theatergruppe Bad Segeberg, sowie eines integrativen Tanzprojektes. Wir bekamen alle einen hautnahen Eindruck der Themen von Betroffenen und Angehörigen: dem emotionalen Zunder, der Schwere der Krankheit und der damit verbundenen Konflikte - und poetischen und künstlerischen Wegen, immer wieder in die Lebendigkeit zurück zu kehren: „ Werde nass! Umarme Bäume, schaukle im Mondschein...tanze so viel wie möglich!...“

Viel Vernetzung war möglich: So sagte, in Anbetracht der schönen Resonanz auf die Workshops und das gemeinsame Singen im Plenum, die Bundesvorsitzende des Parkinsonverbandes Frau Kaminski uns ihre Unterstützung zu, Frau Stephanie Henze von der Hilde Ulrichs Stiftung für Parkinsonforschung hat Hilfsbereitschaft bei der Organisation von Singen mit Parkinson-Projekten signalisiert, mit Prof. Hauptmann, Oberarzt im Klinikum Bad Segeberg und Professor an der Medical School Hamburg wird über mögliche Kooperationen nachgedacht.

Vor dem Ausblick auf die neuen Leitlinien der Parkinson-Therapie als Abschluss am Sonntag, durfte Norbert Hermanns noch einmal den Saal zum Schwingen bringen. Die Teilnehmer sangen beherzt mit - es war so bewegend, dass Prof. Deuschel in seinem Vortrag immer wieder auf die soeben erfahrene antidepressive Wirkung des Singens hinwies. Weiter: Stand der neuesten Studien sei, dass Singen sowohl bei Physiotherapie als auch für Logopädie sehr wirksam sei. Für uns als Singleiter bedeutet dies: wenn wir nun logopädische und physiotherapeutische Elemente in unser Singen mit Parkinson einfließen lassen, haben wir sehr gute Chancen, das Singen in entsprechenden Einrichtungen weiter zu etablieren. Singen fällt hier auf sehr fruchtbaren Boden, das bestätigten immer wieder auch die vertretenen Wissenschaftler.

Das Symposium hatte eine gelöste, freudige und familiäre Grundstimmung - die Helfer, Organisatoren, Referenten und Teilnehmer wurden immer strahlender. :-) Bad Segeberg ist hier inzwischen der Impulsgeber für Kunst, Musik / Singen, Theater, Tanz und Parkinson im deutschsprachigen Raum ... wunderbar, wieder Teil davon zu sein.

Bericht: Monika Wiese