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Gemeindepsychiatrisches Zentrum in Reinheim zertifiziert

v.l.: Franz-Josef Kiefer, Claudia Bock,
Elisabeth Rank-Kuhn, Vera Kimmig

Es war eine klangvolle Feier, bei der die Gäste mehr Lieder sangen als Reden hörten, und das nicht ohne Grund: Das Caritas Zentrum in Reinheim wurde am 26.11.2015 als erstes „singendes gemeindepsychiatrisches Zentrum“ in Hessen ausgezeichnet.
Die Geschäftsstellenleiterin Vera Kimmig vom Verein Singende Krankenhäuser e. V. überreichte in der kleinen Feierstunde das Zertifikat. Der Verein fördert Einrichtungen, die Singangebote als Inseln der Ruhe und des Kraftschöpfens anbieten, da Singen Menschen mit körperlichen oder psychischen Erkrankungen helfen kann, wieder in Kontakt mit ihren Selbstheilungskräften zu kommen.

Im Caritas Zentrum in Reinheim werden zahlreiche Singveranstaltungen angeboten. Bei allen stehen die Freude am Singen, das Gemeinschaftsgefühl, das zwischenmenschliche Miteinander und die Stärkung der seelischen und körperlichen Gesundheit im Vordergrund. Wertvolle Erfahrungen, die gerade in Zeiten der Krankheit gebraucht werden.

Montags gibt es Klangimpulse, dienstags wird mit Klienten der Tagesstätte und des Betreuten Wohnens gesungen. „Manche Klienten haben ihre Instrumente, die sie jahrelang nicht mehr benutzt haben nun wieder ausgepackt und so erklingen bei uns neben den Stimmen auch Mandoline, Gitarren und Akkordeon“, erzählt Elisabeth Rank-Kuhn begeistert. Die Sozialpädagogin, Heilpraktikerin und Singleiterin für Gesundheitseinrichtungen und Altenheime singt selbst leidenschaftlich gerne und weiß, dass Singen entspannt und Stress abbaut. Neben ihren persönlichen Erfahrungen belegen auch wissenschaftliche Untersuchungen, dass Singen gesund ist. „Beim Singen macht man sich keine Sorgen. In Gemeinschaft macht es viel Freude. Bei uns geht es um den Spaß am Singen. Es spielt keine Rolle, ob die Töne genau stimmen. Unser Motto lautet: Ein frohes Lied aus frischer Kehle, wischt allen Staub dir von der Seele!“ Mittwochs ist gemeinsames Volksliedersingen in der Gerontopsychiatrischen Tagesstätte, donnerstags ist Wunschkonzert. Ob Schlager, Volkslied oder Pop, die Wunschpalette ist immer sehr abwechslungsreich. Freitags werden Bewegungslieder zur Gymnastik gesungen. Gut angenommen wird auch die neue Trommelgruppe, in der zu Aerobic Musik auf Pezzibälle getrommelt wird.

Neben diesen internen Veranstaltungen gibt es auch den Offenen Singkreis, der sich jeden zweiten und vierten Donnerstag von 16.30 bis 18:00 Uhr im Caritas Zentrum Reinheim, Darmstädter Straße 55, 64354 Reinheim trifft. Es sind keine Vorkenntnisse nötig, das Alter spielt keine Rolle - Jede und Jeder ist willkommen. „Schön wäre auch, wenn unser Quotenmann noch etwas männliche Unterstützung bekommt“, so Elisabeth Rank-Kuhn.

Dank des neu eingeweihten Aufzuges, der durch die Förderung von Aktion Mensch errichtet werden konnte, ist das Caritas Zentrum Reinheim nun auch barrierefrei.

Nikolaustag 2015 in Buxtehude: Flüchtlinge kommen zum Singen im Cantokreis

Am Nikolaus-Sonntag erlebten wir in Buxtehude einen auch für uns sehr besonderen cantokreis. Wir beteiligten uns an der Aktion des Sozialverbandes "Buxtehude tischt auf" und luden Flüchtlinge zu uns ein. Dieser Einladung folgten zwölf überwiegend junge Männer. Insgesamt bestand der Chor dann aus annähernd 70 Menschen! Die anfängliche Reserviertheit war schnell gelöst und der Raum innen wie außen geöffnet für berührende Begegnungen und Szenen. Die verbale Verständigung erwies sich als kompliziert, da wir des Arababischen und sie des Englischen oder Deutschen nicht mächtig waren. Aber es erwies sich auch: Das Singen ist wahrlich eine Universalsprache! Die Energie in den Liedern und die Atmosphäre im Raum waren unglaublich. Und sehr hoffnungsvoll: wenn wir die Berührungsängste auf allen Seiten abbauen können, kann etwas Wunderbares entstehen. Now is the time - this is our chance - the world is changing - with love in our hearts we can heal each other!

Wir danken von Herzen der Initiative von Uschi Reinke vom Sozialverband Buxtehude und allen Teilnehmern dieses besonderen cantokreises!

Bericht von Thomas Jüchter (Regionalbeauftrager Nord), www.cantokreise.de

Mainz : Jahrestagung des Bundesverbandes für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Deutschland e.V.

v.l.: Daniela Sauter de Beltré,
Andrea Käpernik

Vom 29. bis 31.10.2015 fand in Mainz die Jahrestagung des Bundesverbandes für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Deutschland e.V. statt. Unsere beiden Dozentinnen, Andrea Käpernik und Daniela Sauter de Beltré, waren als Referentinnen eingeladen, um einen Workshop zum Thema "Singen: Balsam für wunde Seelen" anzubieten. An ihrem gut besuchten Seminar nahmen hauptsächlich Kinder- und JugendpsychiaterInnen teil. Die beiden Referentinnen nutzten auf diese Weise die Möglichkeit, "Singende Krankenhäuser" einem neuen Interessentenkreis vorzustellen.

Inhaltlich berichteten die beiden über ihre musikalische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in der Ferdinand Fingado-Schule (Schule für Erziehungshilfe) in Lahr (Schwarzwald), sowie die damit verbundenen positiven Effekte, die sie bei ihren Schützlingen seit Jahren beobachten. Auch auf Ergebnisse verschiedener Studien im Bereich der Gesangsforschung konnten sie eingehen. Selbstverständlich blieb das Seminar nicht theoretisch, vielmehr wurde das gemeinsame, leistungsfreie Singen direkt erfahrbar gemacht, was auf großen Anklang stieß.

 

 

 

DRK Kliniken Berlin Westend zertifiziert

v.l.: Kordula Voss, SiKra-Dozentin, Raiko Thal, rbb-Moderator,
Urs Münch, Psychoonkologe und Singleiter

In einer fröhlichen Feierstunde mit Patienten, Pflegepersonal und Gästen, wurde von unserer Dozentin Kordula Voss die Zertifizierung der DRK Kliniken Berlin | Westend, am 12.9.2015 vorgenommen. Die DRK Kliniken Berlin Westend sind akademisches Lehrkrankenhaus der Charité – Universitätsmedizin Berlin.

Seit Januar 2015 gibt es eine offene Singgruppe für Patienten, Angehörige und Mitarbeiter:
www.drk-kliniken-berlin.de/unternehmen/aktuelles/einfach-singen-im-westend/

 

 

 

Klinik St. Urban der Luzerner Psychiatrie (lups) zertifiziert

Daniela Sauter de Beltré, Bärbel Dietz und Hugo Albisser (v.l.) bei der Zertifikatsübergabe

Am 28. April 2015 wurde die Klinik St. Urban der Luzerner Psychiatrie (lups) mit dem Singangebot «CANTO» ins Netzwerk «Singende Krankenhäuser» aufgenommen.

An der Zertifizierungsfeier nahmen nebst Patientinnen und Patienten auch Mitarbeitende der lups, Direktor Peter Schwegler und die beiden Botschafterinnen des Netzwerks «Singende Krankenhäuser», Daniela Sauter de Beltré und Andrea Käpernik, teil. Die beiden «CANTO»-Leitenden, Bärbel Dietz und Hugo Albisser, zeigten die Bedeutung der heilenden Wirkung des Singens auf: «Singen hilft nicht nur im Alltag Stress zu überwinden und Kraft zu schöpfen, es kann auch Menschen mit körperlichen Erkrankungen und in psychischen Krisen helfen, ihre Selbstheilungskräfte anzuregen.»

«CANTO» ist ein Gruppenangebot der Luzerner Psychiatrie. Das gemeinsame Singen ergänzt das therapeutische Angebot und stärkt die Selbstregulierungsfähigkeit von Patientinnen und Patienten. Mit der Überreichung des Zertifikats ist die lups nun Teil des Netzwerks «Singende Krankenhäuser».

Dr. Eckart von Hirschhausen überreicht Zertifikat an Schön Klinik

Dr. Eckhart von Hirschhausen (Mitte) überreichte das Zertifikat der "Singenden Krankenhäuser" an die Schön Klinik Berchtesgadener Land und war begeistert von Charme und Courage der Singleiterin Stephanie Jahn (links).

Bewegender Moment auf großer Bühne
Die engagierte Atemtherapeutin Stephanie Jahn, die in ihrer Freizeit leidenschaftlich gerne singt, hat das „Singende Krankenhaus“ in der Schön Klinik Berchtesgadener Land zu ihrem Projekt gemacht: Schon während sie die Ausbildung zur Singleiterin absolvierte, führte sie „Atmen durch Singen“ für Gruppen mit Lungenpatienten ein – und war ganz berührt, wie viel Glück sie den oft sehr schwer eingeschränkten Patienten damit geben konnte. „Woche für Woche erfahre ich, wie die Patienten aus ihrer Isolation herauskommen“, schildert die Singleiterin. Dass die Patienten bei den Stimmübungen und dem Einstudieren der stimmungsvollen und leicht zu erlernenden Lieder auch ihre Atmung vertiefen, ihre Lungenflügel belüften und den Atem in unterschiedliche Regionen des Körpers lenken, nehmen sie oft gar nicht einmal wahr – so sehr steht die Freude und das beschwingte Gefühl, das die Musik auslöst, im Vordergrund.

Kein Singsang, sondern wirksame Therapieform
Als die Schön Klinik in Schönau am Königssee sich für das Zertifikat als „Singendes Krankenhaus“ zertifiziert hatte, wurde die Übergabe der Urkunde in nahe gelegenen Salzburg Arena vor über 2.000 Zuschauern organisiert: Im Rahmen seiner Wunderheiler-Show bat Dr. Eckart von Hirschhausen die Singleiterin und ihren Klinikleiter auf die große Bühne. Für die Klinikvertreter war dies ein aufregender und bewegender Moment, doch Entertainer Dr. von Hirschhausen zauberte das Lampenfieber mit seiner lockeren Art sofort weg. Er wollte wissen, warum sich die Klinik für das Singen mit Patienten einsetzt. Klinikleiter Philipp Hämmerle: „Zugebenermaßen war ich anfangs etwas skeptisch, als Frau Jahn mir den Vorschlag machte, das Zertifikat als ‚Singendes Krankenhaus‘ anzustreben.“ Doch sei es der engagierten Therapeutin gelungen, ihn zu überzeugen, dass es sich da nicht um „Singsang, sondern um eine nachweisbar wirksame Therapieform handelt.“

Das ganze nochmal in ernst: Dr. Eckhart von Hirschhausen meinte "für die Klinik-Zeitung" sei auch das unerlässlich.

Begeistert von der ansteckend fröhlichen Physiotherapeutin
Dr. Eckart von Hirschhausen zeigte sich ebenfalls begeistert von der ansteckend fröhlichen Physiotherapeutin Stephanie Jahn. Ihren Ausspruch „Es gibt keine falschen Töne, sondern nur Variationen“ wiederholte er gleich zweimal, als wolle er ihn sich für seine künftigen Shows merken. Jedoch zu seinem Musiker gewandt, schränkte er ein: „Das gilt aber nicht für dich, Christoph.“ Und hatte natürlich die Lacher auf seiner Seite.

Lustige Fotos von der Zertifikatsübergabe - und ein ernstes
Da die Klinik-Vertreter bereits vor der Show und in der Pause eine Menge Spaß mit den Salzburger ClownDoctors hatten, für die sich Dr. Eckhart von Hirschhausen ebenfalls engagiert, waren sie mit Clownsnasen auf die Bühne gekommen. Dr. von Hirschhausen freute sich über die Solidarität und ließ lustige Fotos mit den Clownsnasen schießen. Doch zeigte er auch in diesem Moment seine unvergleichliche Schlagfertigkeit: Der Saal lachte lauthals, als er nach den witzigen Fotos auch eins mit ernstem Gesicht „für die Klinik-Zeitung“ stellte (siehe unten).

Messe"LEBEN UND TOD" in Bremen

Von links nach rechts: Susanne Seelbach, Leiterin der Hospizgruppe Hamburg-Harburg mit Beata Zepik und Thomas Jüchter von SiKra

Die Messe LEBEN UND TOD fand am 8. und 9. Mai 2015 zum 6. Mal in Bremen statt. Neben den Messeständen zahlreicher, unterschiedlichster Unternehmen und Organisationen gab es einen Fachkongress mit vielen Vorträgen und Workshops rund um Sterbens- und Trauerbegleitung. Mit SiKra waren wir nun bereits zum 4. Mal mit einem Info-Stand vertreten. Des weiteren konnten wir wieder einen Workshop anbieten, diesmal zum Thema "Resilienz - Wie Singen uns stärkt".

"In ihrem sechsten Jahr ist die LEBEN UND TOD nach wie vor einzigartig in Deutschland. Sie bietet einen anerkannten Fachkongress, eine vielfältige Messe sowie Vorträge und Workshops für Privatbesucher/innen zu allen Bereichen des Lebens, Sterbens, der Trauer und des Abschieds. Die Auseinandersetzung mit den Fragen nach dem Sinn und Wozu gehören ebenso zur LEBEN UND TOD wie Wissen, Austausch und die Begegnung mit anderen. Dabei ist die Messehalle geprägt von einer stimmigen, hellen und freundlichen Atmosphäre, einem ausgeglichen Ausstellungsangebot und genügend Raum für Austausch und Begegnung." (Auszug aus der Homepage "Leben und Tod" )

Mit Beata Zepik, Karin und Thomas Jüchter haben wir zu dritt den Stand betreut. Wir waren ein gutes Team! Der Besuch war subjektiv empfunden geringer als in vergangenen Jahren. Das beklagte auch die Messeleitung und andere Aussteller. Es ist zu vermuten, dass dies wohl in erster Linie dem Bahnstreik zuzuschreiben ist. Der hat auch für uns für Komplikationen gesorgt, weil unsere Materialien nicht angeliefert wurden. Glücklicherweise gab es einen Plan B und wir hatten alles in genügender Menge vor Ort. Schön war, dass wir mit dem BIM (Bremer Institut für Musiktherapie), u.a. vertreten durch unser Mitglied Ilse Wolfram, einen affinen Nachbarstand hatten. Es fühlte sich wie ein gemeinsamer Stand an und schaffte noch mal mehr Aufmerksamkeit für das Thema Musik und Singen.

Die Resonanz für unsere Passion war durchweg sehr zustimmend und interessiert. Es wurde z.B. von vielen BesucherInnen, die ehrenamtlich im Hospiz engagiert sind, betont, wie wichtig das Singen in der Sterbebegleitung ist. Wir haben nun einige Anfragen für Weiterbildungsworkshops :-) und eine für eine Liedernacht in Oldenburg/Oldb., meiner alten Heimatstadt. Mal gucken, ob was draus wird...

In unserem 90-minütigen Workshop haben wir das Thema unserer Kölner Jahrestagung aufgegriffen. Der Aspekt der Resilienzkräfte für Sterbebegleiter war insgesamt das Schwerpunktthema der diesjährigen Messe. Der Workshop war mit 25 TeilnehmerInnen ausgebucht, der Raum eigentlich viel zu klein, aber wir sind nah zusammen gerutscht und der Sound des Kreises war umwerfend schön. Für die meisten TeilnehmerInnen war das Heilsame Singen noch fremd, es konnten sich aber alle super einlassen. Ich bin jedes Mal überwältigt von der Energie, die eigentlich in allen Gruppen immer wieder entsteht, unabhängig davon, mit wem man singt, ob erfahren oder unerfahren. Hier einige Rückmeldungen von Teilnehmern: "Lebensfreude pur", "Es kam alles an Gefühlen vor", "Erstaunlich, wie schnell und wie tief Gemeinschaft entsteht", "Nach den vielen Gesprächen und Input war diese Stunde ein Segen, wie eine Seelendusche".

Müde, aber erfüllt packten wir am Samstagabend wieder unseren Messestand ein mit der Gewissheit, einigen Menschen eine neue Perspektive im Umgang mit Gesang aufgezeigt zu haben und der Vorfreude, auf die neuen Möglichkeiten, die dadurch entstehen werden!

Bericht von Karin und Thomas Jüchter

4. Singender Umzug durch die Uniklinik Köln

Foto: Christian Wittke, MedizinFotoKöln

Alaaaaaf! Zum vierten Mal schon zogen wir dieses Jahr an "Altweiber" mit Sängern der Singgruppe, Patienten, Besuchern, Mitarbeitern und Singleitern aus Köln durch die Uniklinik Köln. Pünktlich um 11:11 läuteten wir auch im größten Gesundheitshaus der Domstadt die jeckste Zeit des Jahres ein.

Bleiben wir gleich bei den Superlativen: die stimmkräftigste Geisha des Landes, alias Angelika Goers, wärmte vorher im Haus LebensWert unsere Stimmen gut auf: „Ich sage es Dir: ich bin ja sooo schön!“ Und es stimmt ja: Menschen sind zum einen besonders schön, wenn sie singen – und zum anderen, wenn sie esu bunt un herrlich aanjetreckt (kölsch für angezogen) sin, wie das im Karneval nun einmal der Fall ist. Angeführt von unserer Hoheit, dem Sultan Norbert al lachmal Chermanns, zogen wir dann mit viel Alaaf und Gesang in das lichte Foyer des Herzzentrums. Winkende Mitarbeiter säumten schon den Weg und die ersten Patienten stimmten froh mit ein, angesichts dieser bunten Schar von beinahe 30 Jecken samt Gitarren (feurige Gitarreros Micha Meza und Martin Herrmann), Trommeln (Hildegard Grooterhorst) und Quetschbüggeln (Bärbel Kükenshöner und Monika Wiese). Daß bei so viel Bauchtanz und kessem Hüftschwung die Hose des Sultans sich immer wieder zu verabschieden drohte, sorgte allgemein für noch größere Unterhaltung und Spannung in der Sängerschar – es sei hier vorab verraten: Wunder gibt es immer wieder, und sie hielt doch...

Foto: Christian Wittke, MedizinFotoKöln

Nach einem ersten kölschen Potpourri im Herzzentrum zogen wir weiter in die Eingangshalle mit „ Mate Aroha“ – und meine ganz persönliche Hochachtung gilt den zwei Patienten, die aus dem Op-Bereich gefahren kamen und sich winkend durch unsere etwas sanfter singende Gruppe schieben ließen. Ein sagenhaft schönes Bild.
Bei den Pförtnern angekommen, boten wir allen Zuschauern, darunter auch zwei Klinikclowns, eine Augenweide:„Eimol Prinz zo sin...“ gebärdeten wir das Lied, um den Telefonisten eine akustische Chance zu lassen und stiegen dann wieder inbrünstig mit unseren Stimmen ein. „Trömmelche, Veedel, Echte Fründe“ die Klassiker des kölschen Liedguts wechselten sich ab mit den Hits aus der Singgruppe der Uniklinik „Si Si Si, E malama, Bele Mama..“ und wieder einmal wurde deutlich, dass es da einen gemeinsamen Boden gibt: ein schallendes „JA!“ in Richtung Gemeinschaft und die Fähigkeit sich mitnehmen zu lassen ins Singen und Klingen, Wiegen und Schunkeln, Rappeln und Scheppern.
Ein Dank all denen, die sich von unserer Gruppe haben anstecken lassen, die hinter Fenstern oder auf Treppen stehen blieben, filmten, mitsangen, zurückwinkten: So schwingt sich die gemeinsame Freude schunkelnd fort und fort!

Bericht von Monika Wiese und Bärbel Kükenshöner

„Singen entkrampft, erleichtert und lässt einen im Moment durchatmen und frei werden“ (Herbert Grönemeyer)

Salus-Konferenz in Magdeburg

Norbert Hermanns, Herbert Grönemeyer sowie Dr. Eckart von Hirschhausen auf der „Salus-Konferenz“ in Magdeburg

Durch Vermittlung unseres Beirats Eckart von Hirschhausen bin ich, stellvertretend für die „Singenden Krankenhäuser e.V.“ zur Salus-Konferenz nach Magdeburg zum Thema „Musik und Humor in Psychiatrie und Psychotherapie“ eingeladen worden. Dieser Einladung folge ich sehr gern, sind doch auch Herbert Grönemeyer, Eckart von Hirschhausen, die Klinik-Clowns u.a. vor Ort eingeladen.

Am Nachmittag des 16.1.2015 begrüßen Klink-Clowns die Teilnehmer und laden sie in Stegreif-Improvisationen zum fantasievollen Perspektiv-Wechsel ein und wecken mit erfrischender Leichtigkeit die Spielfreude - aus den verschiedensten Ecken im Foyer und Saal erklingt immer wieder Kichern, lautes Lachen und Singen. Der Minister für Arbeit und Soziales, Norbert Bischof, outet sich gleich im Begrüßungswort als Grönemeyer-Fan und bedankt sich beim Veranstalter für dessen umfassendes Engagement im Bereich Gesundheit und Kultur. Im ersten Vortrag erläutern Dr. Christof Schwabe und Ulrike Haase, wann und wie Musik zur Therapie wird. Musik wirke immer - aber nicht immer heilend - sie könne auch defizitär erlebt werden. Daher sei es wichtig, Musik entsprechend dosiert und patientenzentriert in der Therapie einzusetzen.

Herbert Grönemeyer erläutert, was Musik für ihn persönlich bedeutet: Musik sei für ihn die Form der Kunst, welche die Seele und das Nervennetz am tiefsten berühre. „Wir verlieben uns sicherlich in das Aussehen, den Geruch, den Humor, den Sex-Appeal unseres Gegenübers, aber ganz besonders in den Klang der Stimme.“ Auch ein Kleinkind, das noch keine Worte verstehe, reagiere auf den Klang, auf die Musik der Sprache seiner Eltern. Diese vermittle ihm das Gefühl der Geborgenheit und Ruhe. Es sei die Wärme in den Stimmen, mit der uns Ängste genommen werden und die uns wieder aufrichtet. Zudem sei hinlänglich bekannt, dass der zugewandte, ruhige Ton eines Therapeuten oder Arztes bei Patienten ein hohes Maß an Selbstheilungskräften aktivieren könne und uns andererseits das kühle, teilnahmslose Abbügeln und Abfertigen in einer labilen Gesundheitssituation in eine noch größere Krise stürzen könne.

Seine damalige Frau sei 8 Jahre lang an Krebs erkrankt, und plötzlich bekam sein Bruder im Sommer 1998 ein Non-Hodgkin-Lymphom. Er habe seinem Bruder Knochenmark gespendet und ihn häufig im Krankenhaus besucht, seinen Leidensweg begleitet. Der Bruder starb am 1.11.1998 und Herbert Grönemeyers Frau 4 Tage darauf. Dieser Einschlag sei für ihn so übermächtig gewesen, das um ihn herum alles verstummt sei und sich die Gefühle nur noch taub anfühlten. Seine Kinder waren damals 9 und 11 Jahre alt - die Frage war „wie schaffe ich es / wir es, in dieser rauen See ein Ufer zu finden. Wie schaffe ich es, ihnen den Lebensmut zu bewahren.“ Es sei ihr Leid und ihre Zukunft gewesen, die ihn agieren und funktionieren ließen. Er habe seinerzeit in London eine Trauerbegleiterin gefunden, die ihn 18 Monate lang durch alle Untiefen und Verzweiflung manövriert habe. Parallel dazu habe er versucht, wieder Musik zu machen. Musik sei für ihn immer der Ur-Halt, der wesentliche Bestandteil seines Kerns gewesen. Schon seit seinem 4. Lebensjahr habe er lauthals gesungen u.a. für Kaffeekränzchen seiner Oma. Später lernte er Ukulele, Gitarre und Klavier, spielte mit 13 Jahren in seiner 1. Band. Ohne das Singen wäre er schwer melancholisch geworden, da u.a. das Verhältnis zu seiner Mutter angespannt war. In seiner Pubertät habe er stundenlang Gitarre gespielt und Songs von Leonard Cohen, Bob Dylan gesungen - viele seiner Probleme in der Zeit habe er so verarbeitet.

Musik sei seine engste Freundin und Vertraute gewesen, eine wundervolle Droge, ein Beruhigungsmittel. Wenn er sang, sei dies für seine Kinder ein Zeichen gewesen: „Das Leben ist in der Balance, es ist stabil und dem Vater geht es im Moment gut.“ Seine 9-jährige Tochter habe auf den Tod der Mutter mit dem Satz reagiert: „Du hörst nicht auf zu singen und uns kommt keine andere Frau ins Haus!“ Wenn man trauere, fallen Brustkorb und Schulter ein, der Gang werde schwer, hektisch, und man rolle sich ein. Mit solch einer Körperhaltung könne man nicht singen. Sobald man singe, straffe sich der Brustkorb, die Schultern wandern nach hinten, man versetze seine Lunge in Schwingung, man vibriere. Es entkrampfe, erleichtere und lasse einen im Moment durchatmen und frei werden. Es sei ein gewisses Aufbäumen gegen den Schmerz, die seelischen Verwundungen und gegen das übermächtige Dunkel. Man erklinge und spüre sich wieder. Man docke über die Musik wieder ans Leben an. Man komme mit sich wieder in Kontakt, wärme und erde sich, lasse sich von den Gefühlen überwältigen, aber gleichzeitig spüre man eine Geborgenheit und Heimat. Musik fange einen auf. Musik zu machen sei ein unfassbares Geschenk für ihn. Er trage sie bei sich wie einen Schatz, der ihn immer begleite.

Die ersten Versuche in der Trauerbewältigung wieder Musik zu schreiben seien die ersten Schritte aus der Tragödie gewesen. Seine Platte „Mensch“ sei das erste Durchatmen gewesen, musikalisch als auch im Leben. Mit der 2 Jahre andauernden CD-Produktion habe er versucht, sich mit der Musik wieder an die Oberfläche zu hangeln. Musik sei für ihn ein großer Motivator, Tröster, Seelenverwandter, Energiespender, Retter und Befreier. Sie kümmere sich, unterstütze, rühre, belebe, leide mit und beschütze. In ihr könne man sich erneuern. Sie sei ein enormer Beitrag zur Heilung der Seele. In seinem Album „Bleibt alles anders“ aus dem besagten Jahr 1998 habe er alles in die Waagschale geworfen, um dem drohenden Leid entgegenzutreten. Das gleichnamige Lied habe 2 Insassen von psychiatrischen Kliniken, die ihm geschrieben haben, unabhängig voneinander davon abgehalten sich umzubringen. Jedes menschliche Netz erfahre durch Musik eine Stärkung, Bestätigung, Erneuerung und Zuspruch. Musik habe ihn als guten Freund wieder ins Leben zurück begleitet, ihn gestützt und ihm die Schönheit des Seins neu aufgezeigt. Genauso löse sie auch immer wieder Schmerz und Melancholie aus, aber sie helfe anschließend immer wieder sich auszubalancieren und zu stärken. Musik habe eine magische Kraft, einen unerklärlichen Zauber, sie sei das Leben. Er habe immer wieder in seiner Trauer in der Musik nach Momenten der inneren Verknüpfung gesucht, nach den Millisekunden, in denen er sich in der Vergangenheit verlierend plötzlich schwelgen und festigen konnte, sich lebendig fühlte. An diese Momente habe er seine Hoffnung geknüpft, dass er sie wieder findet und sie ein Fundament bilden, auf dass er ein neues, anderes und verändertes Leben bauen könne. Diese elementare frühere Beziehung zu Melodie, Rhythmik, Harmonik und Farbigkeit seien der Grundstock für seine brüchige Zuversicht gewesen. Gleichzeitig sei es eine große Hilfe gewesen, dass er mit seinen Texten zur Musik sich mit seiner Seelenlage auseinandersetzen konnte. Die Worte drücken dabei nur das aus, was bereits in der Musik liege. „Wenn ich nicht mehr singe, bin ich nicht mehr. Wenn ich nur noch schweige, dann falle ich in mich zusammen.“ Das große Geschenk des Lebens an ihn sei gewesen, das die Musik ihn wieder aufgesucht und gefunden hat, das sich die Worte wieder eingestellt haben. Dass der Musiker Herbert Grönemeyer sich so nahbar zeigt, seinen persönlichen Weg der Trauerbewältigung mit dem Publikum teilt, empfindet dieses als große Bereicherung und dankt es mit lang anhaltendem Applaus.

Eckart von Hirschhausen versteht es wie kein anderer, Themen wie Gesundheitsprävention, Selbstwirksamkeit der Patienten, Selbst-Fürsorge ebenso kompetent wie humorvoll dem Publikum zu vermitteln. Dass es ihm um mehr als Entertainment geht, ist in seinem Vortrag und Workshop immer wieder zu spüren. Er möchte das Gesundheitssystem menschlicher gestalten, persönliche Zuwendung / Begegnung und nachhaltige Gesundung - u.a. durch seine Stiftung „Humor hilft Heilen“ (Link). Er kommt immer wieder auf die heilsamen Kräfte des Singens, der Musik, zu sprechen, regt die Teilnehmer zum Kanon-Singen an und verweist u.a. auf den „Chor der Muffeligen“, der sich im Herbst 2013 aus sanges-unerfahrenen Menschen, die von Krankheiten, Problemen in Familie oder Partnerschaft geprägt waren, gebildet hat. Dieser Chor hat sich 3 Monate lang wöchentlich einmal zur Chorprobe getroffen, um sich unter professioneller Anleitung auf einen Auftritt in der Kölner Philharmonie vorzubereiten. Vor und nach jeder Probe wurde die Konzentration des Hormons Oxytocin gemessen, das eine stresslösende Wirkung hat, zu Wohlbefinden führt und zudem zwischenmenschliche Nähe begünstigt. Ergebnis: Der Oxytocin-Pegel war nach dem Singen signifikant erhöht. In diesen Videos erklärt Dr. Hirschhausen ausführlich die gesundheitsfördernden Wirkungen des Singens: http://youtu.be/sykUsnWDxjA

In der abendlichen Podiumsdiskussion interviewt Dr. Hirschhausen die Referenten der Konferenz nochmals zum Thema und bezieht am Ende das Publikum mit ein. Grönemeyer verdeutlicht nochmals, wie wichtig für ihn die psychotherapeutische Begleitung in der Trauer gewesen sei: Wenn die Seele verletzt werde, dann sei dies in unserer westlichen Welt oft eine Art Schandfleck. 1998 habe es in der onkologischen Klinik in Kiel noch keine psychoontologische Begleitung gegeben. Der damalige Chefarzt habe ihm auf die Frage nach einer Psychologin geantwortet: „Das regeln wir Ärzte selber“. Inzwischen habe sich hier viel Gutes getan, die psychoonkologische Versorgung habe sich verbessert. Psychologen haben ihm sehr geholfen, den Kopf aufzuräumen und Gefühle zu sortieren.

Thematisiert wird in der Diskussion mit dem Publikum u.a. die Bedeutung des Humors auf der Station, der für die Bewältigung der enormen beruflichen Anspannung des Pflege- und Arzt-Teams sehr wichtig sei.
Am Ende der Diskussion fordert Dr. Hirschhausen mich auf, als praktisches Beispiel für humorvolles Singen, mit dem Publikum ein Lied zu singen. So singen ca. 400 Teilnehmer beschwingt das afrikanische Lied „Bele Mama“ und haben hörbar und sichtlich viel Spaß daran. Zum Ausklang des Abends singen wir gemeinsam „Der Mond ist aufgegangen“ - das Licht wird herunter gedimmt, und der „Chor“ aus Teilnehmern und Referenten singt alle 4 Strophen dieses wunderbaren Liedes in inniger Weise - „Gänsehaut pur“.

Am nächsten Vormittag eröffnen die Klinik-Clowns mit dem Musiker Martin Rühmann von „Salus-kulturell“ (Link) das Programm. Erfreulicherweise erscheint trotz der Abreise von Herbert Grönemeyer und Eckart von Hirschhausen ein Großteil der Teilnehmer und lässt sich schnell von der Spielfreude der Clowns anstecken und zum Mitmachen anregen.
Zwei Musiktherapeutinnen aus einer Salus-Klinik vor Ort sowie Martin Rühmann motivieren das Publikum zu einer mitreissenden Body-Percussion.

Mir kommt dazu der Song „We will rock you“ von Queen in den Sinn - ich gehe zur Bühne und frage die Kollegen, ob wir nicht besagtes Lied gemeinsam mit dem Publikum singen können. Sie holen mich auf die Bühne und ich stimme zur Body-Percussion den Refrain an. Martin Rühmann, der bereits an der Trommel aktiv ist, wirft mit rockiger Stimme die Strophen ein: „Alle meine Entchen schwimmen auf dem See, Köpfchen in das Wasser und Schwänzchen in die Höh“ - gefolgt vom Refrain „We will, we will rock you!“ - der Raum bebt und alle Teilnehmer sind sichtlich in Party-Laune.

In meinem anschließenden Vortrag stelle ich zunächst das Anliegen der Singenden Krankenhäuser, die Wirkungsfelder sowie die Weiterbildung vor. Ich knüpfe unmittelbar an die Ausführungen von Eckart von Hirschhausen vom Vortag zu den gesundheitsfördernden Wirkungen an. Die stärkste Wirkung im Gruppensingen geht von der erfahrenen, gefühlsintensiven Verbundenheit aus, die u.a. den Pegel des bereits oben genannten „Kuschel-Hormons“ Oxytocin drastisch ansteigen lässt. Dieses Hormon wirkt enorm stresslösend, angstlindernd und unterstützt menschliche Nähe, fördert die Beziehungsfähigkeit.

Anhand von Liedern wie das ruhig-fließende „River is flowing“ oder das beschwingte „Bele Mama“ erläutere ich die musikalischen Wirkfaktoren, die auch auf unsere Art und Weise des Sprechens übertragen werden können und somit auch für jede therapeutischen Begegnung relevant sind. Im Zentrum meines Vortrages steht ein Film, der die „Singgruppe in der Psychoonkologie“ der Uniklinik Köln / LebensWert e.V. portraitiert: http://youtu.be/LlYJELS0N10 Ca. 25 Krebspatientinnen singen und tanzen zu Liedern, die u.a. „Erdung - Leichtigkeit“, „Verbundenheit - mit sich und anderen“ zum Klingen bringt. In ihren Rückmeldungen sprechen sie von den diesbezüglichen persönlichen Erfahrungen, der Lebensfreude und Energie, aber auch vom Trost und der Gemeinschaft, insbesondere des „Angenommen- und Geliebtseins“, die sie im Singen spüren und die einen großen Anteil zu ihrer Krankheitsbewältigung beitragen. Singen kann Patienten in ihrer Gefühlswahrnehmung und - Ausdruck unterstützen. Die Singleiter helfen ihnen, hierzu einen stimmigen Rahmen zu finden.

Gegen Ende meines Vortrags komme ich auf die „Singenden Umzüge“ in der Uniklinik Köln als Beispiel für „Humor in der Klinik“ zu sprechen. In diesem Jahr startet der inzwischen 3. Singende Umzug am 12.2.2015 um 11.11 Uhr im Foyer des Herzzentrums der Uniklinik Köln.

Abschließend singe ich auf Wunsch des Auditoriums noch einmal das „Bele Mama“ - begleitet von dem Percussionisten Dr. Assion Lawson, Die Teilnehmer stehen sogleich auf und singen beschwingt mehrstimmig mit - ein wunderbarer, kraftvoller Ausklang der Konferenz.

Vortrag und Film stießen auf sehr erfreuliche Resonanz: Eine Stunde lang wurde ich im Anschluss noch von Musik- und Psychotherapeuten, Ärzten, Journalisten und Veranstaltern der Konferenz zum Thema Gesundheit zu den Singenden Krankenhäusern befragt - es ergaben sich vielfältige Vernetzungen.
Endlich lernte ich auch hier die Musiktherapeutinnen Simone Willig, Silke Kammer und Barbara Weinzierl kennen, welche die Singenden Krankenhäuser mit ihrer Kompetenz u.a. im Bereich Singen-Demenz bereichern.

Ein ganz herzliches Dankeschön geht zu guter letzt an Dr. Eckart von Hirschhausen, der den Singenden Krankenhäusern zu dieser Plattform verholfen hat und unser Anliegen, „singend“ Gesundheitseinrichtungen und Kliniken zu „beseelen“, in wunderbarer Weise unterstützt.

Norbert Hermanns

Interview mit Michael Betzner-Brandt

Unser musikalischer Botschafter Michael Betzner-Brandt befragt von Kordula Voss

Fragen von Kordula Voss, Singende Krankenhäuser e.V.
Antworten Michael Betzner-Brandt, 02.04.2014

Welche Bedeutung hat das Singen für Dich persönlich?
Welche Wirkungen hat das Singen auf Dich?


Singen ist für mich ein Mittel, um mich und die Welt besser zu verstehen und zu erkennen. Mehrmals am Tag frage ich mich, wie es mir jetzt gerade geht und nehme mir eine kurze Auszeit für mich. Das kann eine halbe Minute sein. Und da singe ich leise und für mich einen kleinen Soulsong, der mir detailliert darüber Auskunft gibt, wie und wo ich gerade bin und in welcher Stimmung ich bin. Das entspannt, bringt mich in den Moment und ich bin ein wenig mehr im Einklang mit mir. Übers Singen geht’s bei mir am schnellsten. „Nur“ Atem beobachten geht manchmal auch.
Ich nutze das Singen auch im Kontakt zur Welt. Manchmal „singe“ ich beim Spazierengehen die Silhouette des Horizonts. Oder ich nehme eine Blume oder einen Grashalm oder im Museum ein Kunstwerk und tue so, als wäre das eine Partitur. Ich singe es ab, manchmal singe ich es an.Ich lasse mich davon inspirieren. Und das kann ich dann am besten in meinem Herzen, meinem Verstand und in meinem Körper verstehen und fühlen, wenn ich singe.
Auch im Kontakt zu meinem Mitmenschen, im Gespräch zum Beispiel, achte ich manchmal bewusst nur auf den Stimmklang, selbst auf die Gefahr hin, dass ich darüber den Inhalt, die Semantik dessen, was mir jemand sagt, nicht mitkriege. Aber die Stimme transportiert eben auch wichtige Informationen und ist einfach schön anzuhören, eben weil sie so persönlich ist.


Welche Wirkungen des Singens beobachten Du bei Anderen (Kollegen, Publikum ...)?

Singen ist nun mal im Gegensatz zum Hören eine eher aktive Tätigkeit. Diese Aktivität steigert die Energie in jedem Einzelnen und einer ganzen Gruppe, zum Beispiel ein Publikum. Bei unseren Chorkonzerten bauen wir immer wieder Stücke und Aktionen ein, wo das Publikum eingeladen ist mitzusingen. Das schafft nicht nur ein stärkeres Gemeinschafts- und Solidaritätsgefühl, sondern als Ausführende auf der Bühne haben wir das Gefühl, ein Publikum, mit dem wir gemeinsam singen oder gesungen haben, hört intensiver und offener zu. Das gemeinsame Singen verändert die Stimmung im Saal zum Positiven.
Beim Ich-kann-nicht-singen-Chor, der einmal monatlich in der Berliner Urania stattfindet, gibt es in dem Sinne kein Publikum. Bzw. alle sind gleichzeitig Ausführende und Publikum. Ich mag die heitere, offene, gelöste Stimmung, die bei dieser Veranstaltung mit ca. 150 Menschen entsteht. Das geht da aber nicht nur durchs Selber-Singen, sondern auch durch Spiele zur Kontaktaufnahme, der Konzentration aufs eigene Körpergefühl und leichte, kreative, lustige Kommunikationsspiele. Dazu kommt dann noch die Kraft der Musik, der neuen und altbekannten Songs. Das ist eine Energiedusche für mehr als einen Tag.


Welches Anliegen verbindest Du mit Ihrem Engagement bei den "Singenden Krankenhäusern", was bewegt Dich zu diesem Engagement?

Singen kann den Heilungsprozess beschleunigen, unterstützen und erträglicher machen. Wer als Patient im Krankenhaus weilt, setzt sich damit auseinander, dass irgendwas im Körper - durch welche Ursachen auch immer - nicht so läuft wie es schön wäre. Das kostet Kraft. Dabei weiß man sich im besten Falle in guten Händen bei kompetenten Ärzt/innen/en und wirksamen Medikamenten und Behandlungen. Allerdings werden diese Medikamente und Behandlungen von außen an einen herangetragen. Darüber kann man schon mal vergessen, dass die eigentliche Kraftquelle in jedem selber liegt. Manchmal, im Krankenhaus, ist diese eigene Kraftquelle etwas verborgen und nicht so stark sprudelnd. Manchmal versiegt sie sogar und man stirbt.
Singen kann eine Möglichkeit sein, an die eigne Kraftquelle bei sich anzudocken. Entweder schlicht dadurch, dass man fühlt, wie die eigene Stimme im eigenen Körper vibriert und ihn buchstäblich in Schwingung bringt. Dann aber auch durch die Emotionen, die in vielen hunderten Songs zum Ausdruck gebracht werden. Ein Lieblingslied ist auch dann noch ein Lieblingslied, wenn es einem sehr dreckig geht. Und wenn man Angst hat oder Sorgen, kann es befreiend und wohltuend (und nicht etwa noch verstärkend) sein, wenn man genau über diese und aus diesen unliebsamen Emotionen singt.
Die Bluesmusiker machen es vor: Dadurch, dass sie singen, wie sehr sie den Blues haben, ändert sich vielleicht erstmal nichts an ihren Lebensumständen. Allerdings in ihrem eigenen Erleben ändert sich durchaus alles: Es macht viel mehr Spaß und gibt viel mehr Kraft den Blues zu singen als den Blues zu haben.
Deshalb finde ich es eine sinnvolle, gute und unterstützenswerte Idee und Initiative von Singende Krankenhäuser e.V., sich dafür einzusetzen, dass eine wissenschaftlich erwiesenermaßen gesundheitsfördernde Behandlungsmethode wie das Singen als elementarer Bestandteil im Heilungsprozess mitbedacht würde.