6. SiKra-Jahrestagung in Bad Kissingen

vom 5. - 7.4.2019 in der Akademie Heiligenfeld

Heino Debus leitet an

Thomas Jüchter berichtet:

Mit den ersten Tönen und gesungenen Worten war es bereits da, um was es gehen sollte: Gänsehaut war die Körperresonanz, als Daniela Sauter de Beltré ihre ersten Töne zu „Hier sein“ anstimmte, "Hier sein, mit allem, was ist, lebendig mit einem Lächeln“. Der Text zu diesem Song sagte schon alles aus, was es braucht, um heilsame Körperresonanzen wahrzunehmen.

Die 6. internationale Jahrestagung von Singende Krankenhäuser e.V. vom 5.-7.4.2019 in der Akademie Heiligenfeld in Bad Kissingen stand unter dem Thema „Musik-Embodiment-Körperresonanz - wie Singen uns hilft, in Einklang zu kommen“. War es das Thema, das Singen, die Gemeinschaft? Gewiss alles zusammen trug zur herzeröffnenden Atmosphäre bis zu Glücksgefühlen bei. 160 Teilnehmende kamen an diesen besonderen Ort, die altehrwürdigen Heiligenfelder Kliniken, gut geeignet, das zehnjährige Bestehen von Singende Krankenhäuser e.V. zu feiern – hier, wo das Singen, künstlerische und bewegungstherapeutische Verfahren seit jeher zentraler Bestandteil des Therapieangebotes sind. Wirklich ein Glück, dabei zu sein, viele berührende Momente durch und in den Liedern, das Wiedersehen vieler lächelnder Menschen, die sich auch alle freuten, ein großes „Hallo“, als wir am Freitag Mittag zusammenkamen.

Die Vorträge stopften manche Wissenslücke, machten neugierig; vor allem fand ich in den Resümees ein großes „Ja, genau darum“, Bestätigung für die Kraft und die Bedeutung des heilsamen Singens, wie es auch Elke Wünnenberg in ihrer Begrüßung sagte: „Wir (Anm. TJ: SiKra) sind angekommen im deutschen Gesundheitswesen, werden gehört und wahrgenommen“. Dr. Karl Adamek, Pionier und Wegbereiter des Heilsamen Singens und von SiKra - viele hatte sich gerade auf ihn gefreut - konnte aufgrund schicksalhafter familiärer Gründe nicht dabei sein. Er kam mit einem persönlichen ebenso dankbaren wie mutmachenden Gruß zu Wort.

Der Neuro- und Gesundheitswissenschaftler Prof. Dr. Tobias Esch ging in seinem unterhaltsamen Eröffnungsreferat „Die bessere Hälfte“ (wie im gemeinsam mit Eckart von Hirschhausen verfassten gleichnamigen Bestseller) auf die wieder ansteigende Glückskurve jenseits der 40 ein und widerlegte damit nicht nur seinen Optiker, der behauptet habe, der Mensch sei nur für die ersten 40 Jahre gemacht, danach sei er vor allem auf fremde Hilfe angewiesen. Esch bezog sich auf das wunderbare Gedicht „Glück“ von Peter Haertel: „Nichts mehr, was dich treibt, nichts mehr, was dich hält auf den Hügel hinauf. Und so lange nach innen singen, bis die Stimme dich aufhebt und mitnimmt“. Es gebe drei Arten von Glück: Die erste Art des Glücks ist in diesem Modell das HIN zu Peak Moments, der unmittelbaren Lustbefriedigung, dem Erklimmen von Gipfeln. Die zweite Art bestehe in der Vermeidung von Unglück, dem „WEG“. Die dritte, erst neuerdings in der Forschung anerkannte Art des Glücklich-Seins, sei das Genau-richtig-SEIN, die Kohärenz - genau das, was viele Teilnehmende in Singgruppen und auch ich selbst immer wieder im Singen erleben.

Jodeln in der Pause mit Doro Heckelsmüller

In den weiteren Vorträgen erläuterten Thomas Fuchs, Barbara Gindl und Stefan Kölsch Erkenntnisse aus ihren Forschungen zum Zusammenhang von Musik, Gefühl und innerer Antwort (Resonanzerleben).

Prof. Dr. med. Dr. phil. Thomas Fuchs aus Heidelberg gab einen fundierten Ein- und Überblick in die Natur von musikalischen Resonanzphänomenen. Er erläuterte, wie Resonanz physikalisch und musikalisch entsteht, wie sie immer mehr ist als nur Manipulation oder Projektion und wie unser Selbst dabei mitklingt, wenn wir singen oder tanzen.

"Anklang finden" war auch Thema des Folgevortrages der Schweizer Dozentin und Musiktherapeutin Barbara Gindl, Autorin des viel beachteten Buches „Anklang – Die Resonanz der Seele“. Sie berichtete informativ, aber zugleich berührend und amüsant aus ihrer Arbeit mit bindungsgestörten Kindern und Jugendlichen. Es war beeindruckend, wie sie feinfühlig und behutsam auf zarte Anklänge ihrer Gegenüber eingeht und wie sie uns die heilsame Haltung der Resonanzbereitschaft noch einmal lebendig an Fallbeispielen mit Videos verdeutlichte.

Bernd Braun (rechts)

Prof. Dr. Stefan Kölsch, Hirnforscher und Musikwissenschaftler, derzeit an der Uni Bergen/Norwegen, referierte via Skype aus seinem Buch „Good Vibrations“ und zeigte anschaulich, welche Bereiche des Gehirns beteiligt sind, wenn wir Musik hören. Er bestätigte die Ausführungen der Vorredner aus neurologischer Sicht. Für die Musiktherapie von besonderer Bedeutung betonte er die Erkenntnis, wie sich die Hirnbereiche für Spaß/Spiel und Schmerz überlappen. Dies erkläre, warum sich Schmerzempfindungen beim Hören von Musik, um so mehr beim Singen oder anderem aktiven Musizieren reduzieren.

Leider musste Robert Sawilla krankheitsbedingt seinen Vortrag zum Morbus Parkinson (und den Workshop) kurzfristig absagen. Dafür aber gaben Bernd Braun von „Parkinson bewegt“ und Elke Wünnenberg einen beeindruckenden Einblick in die Möglichkeiten, dieser Krankheit singend zu begegnen!

Friederike Wortmann, Silvia Abegg, Gabriele Schmidt (v.l.)

Die spannenden Impulsvorträge wechselten sich in bewährter Weise ab mit Workshops, die körperliche Aspekte fokussierten. Z.B. gab Carina Eckes Einblick ins Meridian-Singen nach der Sintala-Methode, die Qi Gong mit Singen verbindet. Rhythmiklehrerin Friederike Wortmann weckte mit angemessenen Übungen unsere Körper. Die Schauspielerin Gabriele Schmidt gab tolle Spielimpulse. Silvia Abegg lud zum Singen mit Menschen mit Demenz ein, dass es nur so Freude machte. Sabine Rittner führte uns in mögliche Wege ein, beim Singen in eine wohltuende Trance zu kommen. Und vieles andere mehr ...

Rolf Grillo, Vera Kimmig

Am guten Schluss der Tagung stand der Workshop des Rhythmik-Lehrers Rolf Grillo aus Freiburg, mit „Rhythmus-Spielen aus aller Welt“ (so der Titel seiner Spiele-Sammlung). Manches durchaus anspruchsvoll, aber immer mit einer großen Laune, irgendwann und zwischendurch lustvoll zu scheitern. Das hat einfach nur Spaß gemacht und gab viele wichtige Impulse für das Arbeiten in Gruppen.

Auch das Feiern und das gemeinsame Singen kamen nicht zu kurz. Der runde Geburtstag "10 Jahre SiKra" wurde Freitagabend mit Sekt, leckerem Fingerfood und einem Open Space gefeiert. Dass SiKra auch tanzen kann, konnte man dann in der Disco im Nebenraum erleben.
Am letzten Abend durfte selbstverständlich die Liedernacht nicht fehlen, als die SiKra-Allstars „WoKa“ (Wolfgang und Katharina Bossinger), Heino Debus und „JoDa“ (Joachim Goerke und Daniela Sauter de Beltré) solistisch und zum Mitsingen aufspielten. Neue Stimmen und Töne gab es von Angela Brantzen aus Darmstadt und Benjamin Penna aus Landau. Wie schön! Auch von Euch wollen wir gerne mehr hören!

Wolfgang Baumgärtner (2. Vorsitzender SiKra), Kordula Voss (rechts, Moderatorin)

So ging eine großartige Tagung zu Ende, die sich für mich sehr rund und wohlig anfühlte. Die Organisatoren hatten glückliche Hände mit ihren Einladungen, abgesehen von den bedauerlichen Absagen von Karl Adamek und Robert Sawilla. Der Geschäftsführerin Sonja Heim, dem erstklassigen Vorstand, den vielen fleißigen Helfenden und der großartigen Kordula Voss - die wieder einmal wunderbar und unnachahmlich charmant die Tagung moderierte - ein dreifach getöntes großes DANKESCHÖN.

Die nächste Mitgliederversammlung soll am 28. März 2020 stattfinden und zwar an dem Singenden Krankenhaus, der Asklepios Schloßberg Klinik im hessischen Bad König, die nächste Jahrestagung im April 2021.

P.S.: Und noch ein persönliches Dankeschön für zehn Jahre SiKra: Als ich vor zwölf Jahren die Weiterbildung bei Wolfgang und Katharina absolvierte, war mir ziemlich schnell klar, dass das "Sikralinische Chanten" meine Berufung sein würde. Was ich bei dieser Form des Singens erlebte, war mir bis dahin unbekannt. Diese Tiefe und Intensität hat mich einfach umgehauen. Ich war tatsächlich sofort infiziert. „Just sing - when we sing, we fall in love“ - ich meine in diesem Song damit dieses tiefe Gefühl, dass ich nicht anders als „Liebe“ benennen kann, eine Kraft, die seitdem immer da ist, immer um mich herum ist und hoffentlich immer da sein wird. Ich bin Euch, Wolfgang und Katharina, unendlich dankbar, dass Ihr mir wie unzähligen anderen diesen Raum geöffnet haben. Und Ihr habt letztlich ja auch nur weitergegeben, was Ihr erfahren habt. Ihr habt es aufgegriffen und die Welle in Gang gebracht.". Es erfüllt mich immer wieder zutiefst, die Wirkung des Heilsamen Singens zu erleben, in meinen Gruppen und anderswo. Jede und jeder von uns erlebt es immer wieder, wie Herzen sich öffnen, Schönheit und Liebe herausströmen und Frieden schaffen. Selbst überzeugteste Nicht-Singer können sich der Kraft nicht entziehen.

links: Thomas Jüchter

Ich bin überzeugt davon, dass unsere Arbeit, wie Yehudi Menuhin als Schirmherr von Il canto del mondo gesagt hat, ein wertvoller Beitrag zum Frieden zwischen den Menschen leistet und damit auch zum Erhalt der Schöpfung und unseres Planeten. Das Singen macht uns menschlich; „Humanität“ und „Humus“ sind ein Wortstamm und die „Hum“ bedeutet im Sanskrit „Vereinigung“. Ich bin sehr glücklich, Teil dieser Familie zu sein, hier und da meinen Beitrag leisten zu können und wünsche uns und dem Gesundheitswesen, dass sie weiter wächst und wächst zu einem großen Ganzen.

Thomas Jüchter
Dipl.Musiktherapeut/FH-NL (DMtG)
Singleiter (SiKra)
www.cantokreise.de

Fotos: Hildegard Grooterhorst                                          Weitere Fotos und Informationen auf der Jahrestagungsseite


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